11,07.2019

sechs Wochen bin ich nun schon wieder in Deutschland. Die Hoffnung, über einen Bekannten des russischen Botschafters in Frankfurt Hilfe für einen Daueraufenthalt zu bekommen, die hat sich zerschlagen. Argument: der Botschafter habe auch Vorgesetzte und er habe Angst, Fehler zu machen und dafür Konsequenzen erleiden zu müssen. Von Sergej Malenko höre ich nichts. Also wieder eine beschissene Zeit des Wartens. Ich fühle mich nicht mehr wohl in Deutschland. Besonders unwohl fühle ich mich in Baden-Baden und Umgebung. In der Perm Region leben pro Quadratkilometer 15 Menschen. Hier in Baden-Würtemberg sind es über 300 Menschen pro Quadratkilometer. Kaum ein Mensch in Deutschland nimmt wahr, wie die Freiheiten hier beschränkt werden. Immer schneller und schneller geht das. Alle Seen sind nun mit einem hohen Zaun umgeben. Das ist einem Urteil eines einzelnen Richters zu verdanken. Ein Kind ertrank im letzten Jahr, nachdem die Uferböschung abrutschte und im Wasser versank, geschah dieses Unglück. Doch was für ein Schwachsinn, deshalb tausenden von Menschen diese Plätze der Ruhe, der Natur und der Sonne wegzunehmen. Warum werden dann die Autos nicht verboten? Seit dreissig Jahren war ich immer an der selben Stelle. Man nahm auch den Abfall mit, den manche liegengelassen haben, viele haben sich um „ihre Badeplätze gekümmert, als sei es ein Stück vom eigenen Garten. Bei einer längeren Wanderung durch den Wald musste ich erkennen, daß dies auch keine Freude mehr macht. Die Waldwege waren bis vor kurzem noch, wie man sich einen Waldweg vorstellt: ein grüner Streifen zwischen zwei Fahrspuren, links und rechts davon der Wald. Nun sind diese Waldwege fast ohne Ausnahme verändert. Breite Schotterpisten sind das, auf denen die schweren Kampfpanzer bequem in den Krieg oder zur Übung rollen können. Zwanzig Kilometer barfuss auf frischem Schotter ist eine schwere Übung, auch wenn man schon über 30 Jahre ohne Schuhe geht. Meine Idee, in dieser Zeit viel zu wandern, die habe ich deshalb aufgegeben. Es macht hier keine Freude mehr. Die Situation ist für die Insektenwelt eine große Apokalypse, es gibt fast nichts mehr. 

Der Lärm der Baustellen, der Laubbläser und Rasenmäher in Baden-Baden ist ungeheuer, ich kenne kaum eine andere Stadt, die so laut ist. Dann scheint es mittlerweile mit der deutschen Ingeneurskunst auch nicht mehr so weit her zu sein. Eine Einjahresbaustelle, einen Kreisverkehr zu errichten, hier in meiner Nähe, stand kurz vor ihrer Fertigstellung. Doch dann stellte sich vor kurzen heraus, das man sich vermessen hat, das Projekt  kann so nicht funktionieren. Nun wird das alles wieder auf- und abgerissen. Wie blöde darf man sein?

Heute habe ich im Cafe einen Menschen getroffen, den ich seit vielen Jahren sehe, jedoch nie mit ihm gesprochen habe. Dieser fragte mich, wo ich denn jetzt leben würde, er habe mich so lange nicht mehr gesehen. Ich antwortete, ich würde gerne im Ural bleiben, doch habe ich grad wieder Visumsprobleme, ich würde Russland mögen und dort leben. Da stand er auf, ohne weiteres Wort und ging. Viele Leute ärgern sich darüber, dass ich das möchte. 

Der pöse pöse Putin…. und ich will da hin. Man läßt mich spüren, daß ich ein Verräter bin.

Baden-Baden. 90 Prozent der Leute hier kann ich mit dieser Verallgemeinerung beschreiben: es gibt Menschen, die hier wohnen mit extrem viel Geld und dann diejenigen, die für die Reichen arbeiten. Diejenigen, welche für die Reichen arbeiten, wären meistens gerne selber reich und sind nicht zufrieden. Die Reichen haben das Geld nicht wirklich immer auf ethisch einwandfreie Art bekommen. Da sind unterschlagene Gelder, Waffen, Drogen, Huren, Lüge, Betrug reichlich vorhanden, viel Blut, Schweiß und Tränen kleben da dran.

Und dann gibt es auch noch die Fraktion derer, die hier bei Radio und Fernsehen arbeiten, die für das Weltbild ihrer Zuhörer und Zuschauer mitverantwortlich sind. Es wird manipuliert, gelogen, getrixt und zensiert. Da habe ich vorher gutes Geld verdient. Doch nun wissen die, daß ich nach Russland will, auch hier werde ich sehr gemieden.

In Lyubimovo war ich viel alleine, das war sehr schön. Durch die Freundlichkeit meiner Nachbarn, ihre Hilfsbereitschaft, die Art des Lebens dort, deren Denken war ich jedoch in einem energetischen Netzwerk aufgehoben. Hier nun, bei über 300 Menschen pro Quadratkilometern jedoch bin ich nur deshalb nicht einsam, weil ich mit dem großen Klaus ausserhalb des Zeit-/Raumkontinuums gut verbunden bin. Ich spreche noch weniger, gestresste Menschen hasten an mir vorbei, erlauschte Gespräche an Nebentischen erzählen von gelblackierten SuperPorschebremsen, Konsum, Konsum…. und Krankheiten, das sind die Themen hier. Nichts über Kultur, Literatur, große Stille.

20.05.2019 Irgendwie ist das eine auch ziemlich traurige Abschiedszeit….. Gestern war ich mit meinen Musikernachbarn Aleksej und Lena, die mich in Perm so freundlich bewirten und als Gastgeber von unübertreffbarer Großartigkeit sind, im Banja, der russischen Sauna-Variante. Ein schöner Abend und Abschied von dem kleinen See, in den man dann taucht, danach bei den beiden in deren Häuschen Tee trinken und dann friedvoll ins Bett. Eigentlich hatten wir ja vor, zum Vollmond ein Feuer anzufachen und dann Musik zu machen. Das hatte sich allerdings durch das Gruselwetter, etwa dem mitteleuropäischen Aprilwetter, hier bei 3° plus, entsprechend, irgendwie zerschlagen, war kein Thema mehr… Umso erstaunter war ich dann, daß mich die Lena um etwa 01 Uhr früh vor Kälte schlotternd aus dem Schlaf riss und meinte, das Feuer sei an, ich möge doch bitte zum anderen Nachbarn gehen und fragen, ob dieser kommen könne und wir sollten Taschenlampen mitbringen. Ich zog mich also an und tappte schlaftrunken zu diesem hin. Der hatte nun bei diesem Wetter nicht wirklich Lust, zum Feuer zu kommen und ich ging dann allein, mich etwas wundernd, weshalb die Lena so erpicht auf Besuch war….. als ich ankam, lag der Aleksey, Lenas Mann im Dunkel zitternd vor Kälte am Boden, ein Riesenchaos um das Haus herum. Das Feuer sah ich erst aus unmittelbarer Nähe….. das Haus brannte. Die Elektropumpe im Bach brummte und die Lena zielte mit dem Schlauch patschnass und schlotternd vor Kälte in die Glut. Zurückgehastet zu dem anderen Aleksej, jeder von uns nahm einen Feuerlöscher aus dessen Haus und dann eiligst zurück zum Feuer. Die Nachtigall sang trotz der Kälte, der Mond schien. Aus beiden Feuerlöschern kam ein leises „pfff…..“, das war´s. Eine Stunde später war das Feuer aus, die Glutreste gelöscht. Ohne die Pumpe und den Schlauch wäre alles abgebrannt. Und heute früh bei Tageslicht sahen wir dann, wieviel Glück im Spiel war. Das Haus ist überwiegend kaputt, das Dach muss komplett neu gemacht werden. Meine dort gelagerten Musikinstrumente hatten die beiden als erstes gerettet(!). Der Grund für das Feuer war der heftige Wind gewesen, welcher heiße Asche aus dem Asche-Eimer herausgeweht hatte und die Glutreste dann das Feuer entfacht haben. Die meisten Plastikgriffe an den Werkzeugen in der Nähe des ersten Brandherdes waren teils komplett abgeschmolzen, teils hingen noch Reste am Metall. Genau dort stand auch ein Benzinkanister, der nicht explodiert ist, weshalb wir alle am Leben geblieben sind, gleichwie die Gasflasche, eine große, die das Feuer ohne Schaden überstanden hat. Das waren die Wunder dieser Nacht, die hier in Russland die Walpurgisnacht war. Sollte jemand also mit dem Ausbruch eines Hausbrandes konfrontiert werden, so ist es ungeheuer wichtig, sich zuerst richtig anzuziehen, wasserdicht. Wenn Du unten das Zeug aus dem Haus räumst und von oben das Löschwasser runterpladdert bei solchen Temperaturen, dann solltest Du unbedingt trocken bleiben! Die Katze hatte die beiden geweckt und ihnen das Leben gerettet….. Zwei Stunden hatten die beiden gegen das Feuer gekämpft, bevor die Lena sich zu mir schleppte, steif von Kälte und Nässe. Deshalb ist der Aleksej auch von der Leiter runtergefallen, auf sein Kreuz, das war von der Kälte…

18.05.2019 Jetzt habe ich gerade die coole Situation, daß ich bei 32° im Schatten in meinem durchgeglühten Wigwam sitze und vor mir stehen zwei Fernsehleute mit laufender Kamera, Julia und Michael, die von einem Sender sind, der Kanal heißt OTR. Da bin ich mal gespannt. Und ich habe gekocht. Es gab Saghetti mit lange gekochter Tomatensauce, wie ich es von der wunderbaren Ezia gelernt habe in meiner lange vergangenen Italienzeit. In die Kamera habe ich nach Aufforderung gesprochen: „Bitte, sehr geehrter Präsident Putin, geben Sie mir eine Aufenthaltserlaubnis!“ Ich glaube zwar nicht, daß dieser Zeit zum glotzen hat, jedoch wird das nicht schaden. Der Sender ist beachtet in Russland. Was hier gerade in der Natur vor sich geht, ist fast nicht zu glauben. Letzte Woche konnte ich über Schneefelder gehen, die im Schatten des Waldes und so geschützt vor der Sonne waren und sich quasi tapfer gegen die Wärme halten konnten. Jetzt waren eine Woche lang die Tagestemperaturen gut 25° und seit drei Tagen über 30°. Irgendwie hat es Pamm!! gemacht und alles war auf einen Schlag grün. Die Tannenspitzen sind seit gestern zwei Zentimeter gewachsen und es passt hier in die Gegend, auch immer wieder eine Handvoll abzuzupfen und zu essen, das schmeckt nämlich wunderbar. Meine Nachbarn, die jetzt aus Perm auch nach Lyubimovo gekommen sind, übrigens nochmals Elena und Aleksej, wie die anderen Nachbarn auch, machen köstliche Salate und Tees einzig aus dem ganzen Zeug, was hier jetzt wächst. einen Tee aus frischüberbrühten schwarzen Johannisbeerblättern habe ich zuvor nicht getrunken. Die Salate aus Schachtelhalmspitzen, Schafgarben, Brennnesseln und mir unbekannten Gewächsen schmecken klasse, besonders, wenn ein Klacks frischer Sahne der glücklichen Kuh drübergeklatscht wurde.

11.05.2019 letzte Woche war ich mit meinen Filmies nochmals an der Tschussowaja, wo wir im Januar bei Eiseskälte spektakuläte Filmaufnahmen machten. Obwohl es schon einige Tage sehr warm, über 20° nämlich, war, lag noch viel Schnee, vor allem in den unendlichen Wäldern. Und dieser Schnee schmolz. Das habe ich noch nicht gesehen. Jede Reifenspur im Matsch, jede Senke, jede noch so kleine und unbedeutende Vertiefung im Boden, alles voller Wasser, überall floss das Schmelzwasser talabwärts. Was für Mengen. Und wie schön das überall geglitzert hat. An manchen Stellen war die Fahrbahn bedeutend überflutet, bedeutend heißt in diesem Falle, hätte man die Autotüre aufgemacht, wäre man bis knapp Kniehöhe im Wasser gesessen. Und all dieses Wasser strebt der Tschussowaja zu. Die war dann auch bestimmt dreimal so breit und zwei Meter höher als im Sommer oder auch als das Eis im Winter. Und es strömt mit großer Kraft dahin. Doch gleichzeitig sieht man auch, daß dieses Land das gewohnt ist, das war nicht wie ein Hochwasser in Deutschland. Ruhe und Kraft strahlte das aus, keine Wut, keinen Katastrophenmodus. Freudvoll und stolz empfängt das Land den Segen des Wassers. Da die Menschen das kennen, bauen sie die Häuser weit genug über diesem Pegel, nichts passiert. Eine Szene von großer Erhabenheit. Jetzt ist der Schnee überall geschmolzen, es ist richtig heiß geworden, über 30°. Auch das kannte ich so nicht, es explodiert gewissermassen das Grün, binnen einer Woche haben die Bäume Blätter bekommen und das Gras wächst so schnell zwischen dem gelbverdorrten Letztjährigen, daß man glaubt, das sehen zu können. Ich habe so überhaupt keine Lust, nach Deutschland zurück zu fliegen. Besonders schlimm finde ich, daß mein Baggersee, an welchem ich weit über zwanzig Jahre zum Schwimmen ging, nun eingezäunt ist. Ein riesengroßer Verlust an Lebensqualität. Manchmal glaube ich, daß die Versicherungskonzerne mit ihren jeweils neuen Auflagen in den Händen der „grauen Herren“ sind, die Michael Ende in dem Buch „Momo“ beschreibt. Ähnlich war das vor vielen Jahren, wo über Nacht das Baden-Badener Hallenbad gezwungen wurde, eine Leine zwischen Nichtschwimmer- und Schwimmerbereich anzubringen, was den rhythmischen Verlauf von Atem und Kraulzüben nachhaltig störte bis fast unmöglich machte. Ich hoffe halt sehr, daß entweder der Sergej Malenko mir wie versprochen hilft, ein Bleiberecht zu bekommen oder daß die Vorpremiere „meines Filmes“ am 23. Mai bei dem Diaghilev-Festival etwas bewirkt, was mir zum Bleiben verhilft. Vielleicht sollte ich auch dem Putin schreiben, habe ich nun auch schon überlegt. Heute kommt eine Frau eines Kanalfernsehsenders und macht ein Interview, übermorgen kommt das russische Fernsehen, was sich schon seit drei Monaten um einen Termin bemüht hat. Und, was mich sehr freut, ich werde auf dem Diaghilev-Festival einige alte Kollegen vom Klangforum Wien nach gut zwanzig Jahren wiedertreffen, denn die spielen da auch.

klaus-burger 05.05. Zwei Wochen war ich mit meinen Filmies in Deutschland. Was für ein Unterschied zum Ural. Losgeflogen sind wir aus der Kälte und in einem Prachtfrühling in München angekommen. Sehr schön war die freundliche Aufnahme bei meiner Mutter und meiner Schwester. Der Regisseur Aleks musste selber filmen, denn es gab Passprobleme bei seinen Mitarbeitern. Er war in jedem Falle sensibel genug, daß ich ihn ohne weiteres mitnehmen konnte, als ich mit meinem alten Mütterlein zum Friedhof ging, auf welchem die Urne mit der Asche meines Vaters vergraben wurde. Nach einem Tag in Bayern reisten wir nach Baden-Baden. Das wirkt dann nach einem Winter in der Stille und Einfachheit wie ein Schlaraffenland und ich kann durchaus verstehen, daß man als knappbudgetierter Russe in freudiges Erstaunen verfällt. Hunderte von Käsesorten, superguter Wein, saubere Strassen. Weil das Wetter durchgehend wunderbar war, sogar mit ziemlich blauem Himmel, waren die Mienen der Badenser etwas weniger grämlich als in meiner Erinnerung gespeichert. Für mich waren diese Tage ausgesprochen anstrengend, denn einerseits bemühte ich mich darum, einen guten Gastgeber darzustellen und andererseits war ich halt auch sehr sehr oft vor der Kamera. In diese darf ich nicht reinschauen, denn sonst ist die Aufnahme unbrauchbar. Ich kann also nicht so ungeniert und frei meine Blicke umherschweifen lassen wie gewöhnlich. Und dann sind meine Filmies auch ohne aufzunehmen immer einige Schritte hinter mir hergegangen. Wenn man nun nicht weiß, wird gefilmt, wird nicht gefilmt, kann ich gucken, kann ich mich umdrehen, das strengt an. Und etwas unheimlich war die Drohne, die mit häßlichem Surren einen knappen Meter vor mir in Augenhöhe in der Luft stand, wie ein riesiges Insekt. Ich muss dann vergeistigt durch dieses Ding hindurchschauen, darf es nicht fokussieren, obwohl alle Sinne Alarm schreien, Abwehr- oder Verteidigungsmechanismen automatisch aktiv werden, Du spürst den Wind, den dieses Ding macht und hoffst, daß der Drohnenpilot keine Zuckungen an der Steuerung bekommt, denn dann hätte man Zack! das Ding im Gesicht, die Propeller würden bestimmt ziemlich weh tun….. Meine armen Füße…… nach einem Winter in Filzstiefeln wurden sie ohne Vorübung oder Vorwarnung nun barfuß mit verfluchtem Schotter, Rollsplitt und ähnlich unangenehmen Materialien konfrontiert, die Märsche und Spaziergänge waren lang, wir waren also jeden Tag mindestens fünfzehn Kilometer unterwegs. Am jeweils nächsten Morgen hörte ich die Zehen wieder förmlich aufjaulen, wenn es nach draußen ging. Diese Quälerei währte die ersten vier oder fünf Tage lang, dann waren sie wieder „eingelaufen“. Nach einem halben Jahr in der Wildnis fiel mir besonders auf, wieviele Zäune, Schranken, Begrenzungen es gibt, wie klein an vielen Stellen der öffentliche Raum gemacht wird. Ob das die neuerdings umzäunten Baggerseen, ein Verbrechen ganz eigener Art, oder die chemieverseuchten insektenfreien Agrarflächen sind, überall werden die Flächen fürs „Leben“ zusammengezwängt, mit Gängelung versehen, mit Ge- und Verboten aus einem selbstverantwortlichen Leben weg in eine Art von Schlachtviehmodus überführt, wobei die Belohnung, nämlich wie in einem Märklin- oder Fallermodelleisenbahnstädtchen zu wohnen, von den meisten gerne als Sublimat angenommen wird. So mancher Russe bewundert das wohl ,weil er genug vom Dreck und von der Improvisation hat.

07.04.2019 In einer Woche bin ich schon wieder in Deutschland. Mit dem Filmemacher Aleks und seiner Mitarbeiterin Marina. Die kann ganz gut Englisch, was die Reise erleichtern wird. Leider mussten der Produzent und noch ein Mitarbeiter wegen Reisepassgründen auch von dem Unternehmen absehen. Ich bin nervös, doch nicht wegen der Reise oder, daß das irgendwie stressig werden könnte, es ist einzig, daß ich von Sergey Malenko keine mich beruhigenden Signale bekommen habe, daß die Sache nicht schon wieder so verläppert wie mit dem freundlichen Dumaabgeordneten, der was versprach und nie mehr von sich hören ließ oder das sonstige Gewoge von Ankündigungen, das kurz aufgischtet und dann im Sande der Gleichgültigkeit versickert. Wie geht man in so einer Umgebung wie hier mit dem Drang nach einem Frühjahrsputz praktisch um? Ich habe also in den Teich ein Loch geschlagen. Das dauert, wie mehrfach schon erwähnt, bei dem einen halben Meter dicken Eis mit einer massiven Brechstange etwa zwei Stunden. Dann habe ich die sicherlich handgewebten vielleicht fünf Meter langen Teppichläufer, meterbreit, zum Teich und durch das Eisloch in das Wasser gestopft und mit Hilfe einer Dachlatte die Läufer dann ausgiebig unter dem Eis hin- und hergerührt. Eigentlich wie ein Kind beim Spielen. Das war klasse. Und man sieht den Erfolg schon. Der erste der drei Läufer ist wieder trocken und auf seinem Platz. Das wäre eigentlich auch eine schöne Filmszene. In dieser wunderschönen stillen Waldlandschaft auf dem Eise hin- und herwankend, frohgemut, der Himmel tiefblau und unendlich weit und erhaben.

05.04.2019 Es wird langsam spannend….. am 12. April fliege ich mit meinem Regisseur und einer Mitarbeiterin seiner Firma für zwei Wochen nach Deutschland. Wir werden dort für den Dokumentarfilm drehen. Was ich bisher von diesem Material als Rohschnitt sehen konnte, das hat mich begeistert. Wenn ich ein Filmer wäre, würde ich es wohl auch so machen. Es war ein Glücksfall, auf den Aleksej Romanov und seine Firme zu stoßen. Gleichzeitig bin ich natürlich überaus gespannt, was aus der Begegnung im Fluge nach Perm mit dem Sergey Malenko und seiner zugesagten Hilfe wird, daß mir endlich ein Aufenthalt in Russland genehmigt wird. Bisher habe ich nichts in den Händen und ich weiß auch nichts. Doch immerhin sind wir in Kontakt. Dieser Kontakt besteht im Moment leider nur daraus, daß ich auf dem Mobiltelefon sehen kann, daß er versucht hat, mich zurückzurufen. Es wäre natürlich auch für unseren Film wunderbar, wenn ich mein Visum oder was auch immer bekommen würde, und dieses Ereignis quasi vor laufender Kamera stattfinden würde. Auch der Regisseur wäre begeistert. Ich natürlich noch mehr, denn bald sind zwei Jahre vergangen, seit ich den Entschluß gefaßt habe, daß ich im Ural leben will und ich bin bisher genau so weit wie vor zwei Jahren. Gestern fand Lena, meine Nachbarin heraus, daß die Mails, welche ich ihr schrieb, allesamt im Spam-Ordner ungelesen verschwunden sind. Und dann fiel mir wieder ein, daß ja bisher meine Mail-Kommunikation in Russland überhaupt nicht funktioniert. Das liegt daran, daß ich `Burger´ heiße und wegen dieser widerlichen amerikanischen Imbisskette dieses Wort, dieser Name geradewegs in den E-Mail-Abfalleimer führt. Also werde ich wohl auch zu Unrecht auf die russische Botschaft in Berlin und die in München geflucht haben, weil die auf meine wiederholten Schreiben nicht reagierten. Es wächst also da auch wieder eine Hoffnung, wenn ich nochmals schreibe beziehungsweise schreiben lasse. Ich habe jetzt mal die Stille gemessen, soweit man Stille messen kann. Stille ist ja in erster Linie eine Empfindung und es gibt sehr verschiedene Stillen. Die Stille in einer Höhle ist anders als die in der Wüste als die auf dem Meer als die in einer Einzelzelle. Mit einem Lautstärkemesser, der die Dezibel anzeigt kann man die Stille messen. Und ich habe das hier gestern, Freitag, um 17 Uhr gemacht, dachte an den Berufsverkehr in großen Städten um diese Zeit und maß 45 Dezibel. Da zuckt der Zeiger dann schon bei jeder vorbeifliegenden Biene oder Fliege kurz noch oben aus. Die Stille hier wird untermalt von dem Klang von fallenden Tropfen. Es ist so still, daß einzelne Tropfplätze mit ihren unterschiedlichen Untergründen lokalisiert werden können, selbst in vielleicht noch zwanzig Metern Entfernung. Ein polyrhythmisches Pianissimo-Kunstwerk in überwiegend silbernem Klang füllt den Raum, leises Summen vieler Insekten gesellt sich hinzu. Eine Art von Stille, die sehr beruhigend, einschläfernd geradezu wirkt. Ein weiteres Geschenk kommt nun hinzu, ein Abschiedsgeschenk des Väterchen Frost. Tagsüber ist es in der Sonne sehr warm, die Sonne am tiefblauen Himmel leckt mit ihren Strahlen den Schnee auf, deshalb ja auch überall das Tropfen. Nachts jedoch ist es deutlich unter Null Grad. So friert über Nacht der weichgewordene Schnee oben zu einer glatten und harten Fläche, die fest genug ist, daß man ohne einzubrechen da drüberlaufen kann. So ist es nun nach sechs Monaten erstmals möglich, querfeldein durch die Wälder zu gehen, ohne einzubrechen, bis zu den Hüften, jetzt immerhin noch bis zu den Knien… Was für ein schönes Gefühl das ist, auf dem spurenlos glatten und blendendblitzenden Weiß durch die Natur zu gehen. Lena, meine Nachbarin hat aus Teig kleine Knoten geformt und gebacken, die heißen Vögelchen und sehen durch eine Rosine als Auge auch etwa so aus. Diese hat sie im Wald an vielen verschiedenen Ästen aufgehängt. Das erinnert mich an den schönen heidnischen Brauch des Ostereier aufhängens, der in Deutschland mancherorts noch den Frühling begrüßt. Von Sergey Malenko habe ich am Telefon erfahren, daß ich eine weitere Warte- und Geduldszeit bis zum Juni abzureiten habe, vorher würde nichts passieren bezüglich meines Visum.

27.03.2019 Immer wieder bekomme ich aus Deutschland Photos zugeschickt von den blühenden Sträuchern und Bäumen. Der Frühling hier beginnt ganz anders. Hier erwärmt sich das blecherne Hausdach in der Sonne, dann gibt es irgendwann einen gewaltigen Donner, das ganze Haus bebt heftig und der Schnee, etliche Tonnen schwer, ist mit einem Male vom Dach gerutscht. Eine neue Schneelast wird das Dach erst wieder im nächsten Winter bekommen, selbst, wenn es nochmal kalt wird und schneit. Das bleibt jetzt nicht mehr liegen. Wunderschöne Blautöne lugen aus den Ritzen der dicken komprimierten Schneeklumpen nach draussen. Ich musste meine Eingänge freigraben, das dauerte Stunden. Die Strasse ist schon frei, man sieht die Erde, den Matsch, den Dreck. Mein Nachbar Roman meinte, jetzt beginnt der schmutzige Frühling, das war wie ein geflügeltes Wort ausgesprochen. Alle Menschen, ob Schulkinder, ob Greise, zerkleinern, wenn sie beisammen stehen, unentwegt die Eisplatten auf den Wegen und Strassen. Mit den Absätzen der Schuhe, mit den Krückstöcken, mit Schaufeln, Stöcken, Fußspitzen. Es wird dem Lebenselement Wasser Geburtshilfe geleistet bei dem Übergang von einem in den anderen Aggregatszustand. Vollkommen entspannt geschieht dieses, man rächt sich nicht am Schnee oder Eis, man killt nicht mit Streusalz, wie der zentraleuropäische Michel das so macht, damit er seiner Pflicht Genüge tat. Nein, man steht rum und zerkleinert, zertritt, im Auto verläßt man die Fahrspur etwas, um den Schneematsch daneben auch endgültig in Wasser zurückzuverwandeln. Vögel zwitschern. Fleißig hämmern zwei Spechte draußen rum und ich werde bald schauen, ob es Birkenwasser geben wird, hier habe ich reichlich Birken um mich herum. Es ist mir möglich, meine Filmies nach Deutschland zu fliegen, der Rüdiger-Sponsor finanziert das. Gleichzeitig habe ich immer noch die Hoffnung, daß der Sergeji Malenko, den ich im Flugzeug wiedertraf, mir tatsächlich helfen wird. Es gibt Kontakt zu ihm. Vielleicht bekommen wir das hin, daß meine Filmies mit mir zum russischen Konsulat fahren und filmen, wenn ich ein Visum oder eine Aufenthalts-Genehmigung bekomme. Und dann werden wir im vollgefressenen Weltbad Baden-Baden drehen. Auf den Kontrast zum stillen Ural freue ich mich schon..

12.03.2019 Es taut seit zwei Tagen. Der Schnee hat eine vollkommen neue Beschaffenheit bekommen. Dort, wo man gewöhnlich auf einem Trampelpfad durch den Schnee geht, war dieser bisher fest und zusammengedrückt. Bei Fehltritten von dieser Spur weg sank man dann bis über die Knie oder noch tiefer ein. Doch der Trampelpfand war ein mehr oder weniger bequem begehbarer Weg. Jetzt ist der gesamte Schnee weich geworden. Auf dem Weg ist er manchmal durch und durch aufgeweicht, kaum fester als Matsch. Da bricht man nun bei fast jedem Schritt bis zur Erde oder dem auf der Erde fliessenden Wasser ein. Der Boden ist noch hartgefroren. Die Nachbarin Lena bot mir Gummistiefel an. Diese Situation hat es in Deutschland nie gegeben. Auch traue ich mich im Moment nur sehr vehalten aus dem Haus. Mein Dach hat sich noch nicht von seiner Schneelast befreit und unter dieser Masse von schwerem Pappschnee möchte ich nicht sein, wenn diese ins Rutschen kommt und runterdonnert. Hier auf dem Bild sieht man den Schneehaufen, der heute nacht von der Scheune kam. Mein Eingang ist nun blockiert und dennoch macht es noch keinen Sinn, mit dem Freischaufeln zu beginnen, da die Hauptlast eben noch oben ist. Ich muss also jetzt abwarten, bis die Gefahr vorbei ist und dann grabe ich mich frei. Gestern in Perm hatte ich eine unglaublich berührende Begegnung. Am Tag meiner abreise nach Deutschland am 14. Februar erschien in einer Zeitung ein total schöner Artikel über mich. Den hat eine mir unbekannte Frau geschrieben. Sie hat sich offensichtlich auf meinem Youtube-Kanal Dinge angesehen, zum Beispiel meine Feststellung, daß die Russen keinesfalls versoffener als die Deutschen sind, aufgenommen und das stand dann auch in ihren Artikel so drin. Diese Frau wollte mich treffen und gestern war die Gelegenheit dazu, Olga ist knapp über dreissig Jahre alt. sie kam mit einer Freundin ins Cafe und wir hatten eine freundliche kulturvolle Kommunikation. Dann holte sie auf einmal zwei Maultrommeln raus und schenkte sie mir. Diese Maultrommeln hatten ihrem Mann gehört. Dieser ihr Mann ist Musiker gewesen und im letzten Jahr gestorben. „Sie mögen bei dir weiter erklingen“ bat sie mich. Für dermaßen ergreifende Erlebnisse nehme ich gerne diesen wahnsinnigen Dreck und Matsch in Perm auf mich. Ich hatte Kontakt mit Sergey Malenko, der mir tatsächlich helfen will, einen Daueraufenthalt zu bekommen und ich sehe erwartungsfroh in die Zukunft. Wahrscheinlich muss ich dann, wie er sagte, zwischendrin mal nach Deutschland zum russischen Konsulat fliegen und dort werden die Formalitäten erledigt. Das wäre nach fast zwei Jahren Herumgeeier ein schöner Abschied aus der jetztigen Situation.

05.03. 2019 An meinem Abreisetag von Perm, dem 14. Februar, erhielt ich von der Visumsbeschaffungs-Stelle die Rechnung für das neue Visum. Das bedeutete, daß ich nun im Besitze zweier Visa in zwei auf mich ausgestellten deutschen Reisepässen mit unterschiedlichen Nummern war. Es hat mir vor Freude weiche Knie gemacht. Und so konnte ich meinen Filmies, die an den Flugplatz kamen, diese Frohbotschaft unmittelbar vor meinem Abflug kundtun. Dieser Zustand er Erleichterung und Freude, daß ich nun quasi durchgehend im Ural bleiben könne, hielt bis zu meiner Ankunft in Düsseldorf an, wo ich eine neue Mail dieser Visumbeschaffer las, in welcher die russische Botschaft in Berlin verlangte, daß ich mein altes Visum im Pass Nr. 1 ungültig stempeln lassen müsse, man dürfe nicht zwei Visa haben. Also zerbrach in diesem Moment meine Hoffnung und ein gewisses Entsetzen überkam mich, ich bin nun genausoweit wie vor zwei Jahren, nämlich überhaupt nichts ist passiert seitdem. Allerdings denke ich, daß dennoch etwas passiert ist. Es gibt viele Zeitungsartikel und Filmberichte über mich, ich bin nicht unbekannt, sondern hier bin ich der Deutsche, der im Ural leben will. Meine Mail an die russische Botschaft in München, die ich sofort schrieb, blieb ebenso unbeantwortet wie meine Mails an die von Berlin zuvor. Und doch sind viele Dinge passiert, die mir Hoffnung machen: In Baden-Baden im Cafe lernte ich zwei russische Geschäftsleute kennen, die mir helfen wollen. Man hat mir schon verschiedene Varianten aufgezeigt, das verfolge ich weiter. Dann hat die wunderbare Lena, die Frau meines Nachbarn Aleksey einen Brief an die Berliner Botschaft geschrieben und sie hat eine Antwort bekommen! Morgen, nach dem Neumond, werde ich dort wieder hinschreiben. Mein Filmie Aleks hat einen tollen Brief verfasst, den ich benutzen kann, um meine Interessen voranzutreiben. Dann saß ich auf dem Rückflug nachhause, Lyubimovo nämlich, in Moskau am Gate des Fluges nach Perm. Dann wurde das Gate geändert und das neue hatte die Nummer 122. Ich bin ja stark affin zur Zahl 61 und so dachte ich gleich, daß könne ein gutes Zeichen sein, zwei mal 61……. Und dann setzte sich ein dicker Mann neben mich, der sofort begeistert „Klaaauuuus!“ rief, als er zu seinem Platz kam. Und ich erkannte ihn trotz der Änderung seiner Figur auch…. Sergey Malenko. Hammer!!! Dem schrieb ich vor sechs Wochen in meiner Verzweiflung, daß nichts vorangeht, die Mail kam ungesendet zurück, alte e-mail-Adresse. Nun sitzt er neben mir. Dieser Sergey war in der Permer Kulturszene ein bedeutender Mann und im Jahre 2010 habe ich mit meinem Duo-Partner Matthias in einem großen Saal ein denkwürdiges Konzert gegeben, welches dieser organisiert hatte. Das war am Anfang proppenvoll und nach kurzer Zeit hatte etwa die Hälfte der Zuhörer mehr oder weniger verärgert die Flucht ergriffen, alldieweilen die Gebliebenen komplett enthusiasmiert über unsere Musik waren. Dieser Sergey ist nach Moskau in die Politik gegangen und nun ein großer Mann. Er ist im Außenministerium der Chef der Angelegenheiten für humanitäre Zusammenarbeit….. besser geht es gar nicht, außer der Putin selber hätte mir zugehört. Er versprach mir zu helfen. Das taten andere auch. Doch da bleibe ich nun dran. Mein Russisch war immerhin gut genug, daß der Taxifahrer aus dem Kaff Okhansk tatsächlich in der Früh im 06:00 Uhr am Flugplatz stand und auf mich wartete. Und das Wetter war gnädig. Es waren nur 3° minus, als ich ankam. Mein Trinkwasser ein massiver Eisklumpen, Unmengen von Schnee sind gefallen und es war sehr mühsam, das Gepäck durch die Schneemassen zum Haus zu schleppen. Also habe ich erstmal ein Feuer angemacht und mich durch den Tiefschnee zum Bach vorgekämpft, damit ich was zum Trinken habe. Inzwischen ist alles geräumt, die Sonne scheint strahlend, das Gesicht wärmend, die kurze “Warmzeit” bei meiner Ankunft ist vergessen, es sind nachts wieder minus 30°. Gestern lud ich die paar Nachbarn ein, um europäische Käse zu probieren, ich habe große Mengen mitgebracht, Camenbert, Parmigiano, Provolone, vierzehn verschieden Sorten und es war eine Freude, diesen Abend so zu zelebrieren. Heute habe ich per Handschlag den Handel mit meinem Nachbarn über einen halben Hektar Land gemacht und ihm das Geld dafür gegeben, eine große Zäsur. Ich bin also positiv genug gestimmt, daß meine Angelegenheit gut ausgehen wird. In dem Film, den Samuel Mottaki im Herbst 2017 in meinem ehemaligen Haus in Baden-Baden über mich und meine Abreise nach Russland drehte, sagte ich sinngemäß, daß das Universum von mir verlange, daß ich nackt über eine Schwelle in ein gänzlich neues Leben zu gehen habe. Das habe ich ja auch befolgt. Es war nicht zu erwarten, daß auf der anderen Seite dieser Schwelle Menschen stehen, die mich sofort in angewärmte Frotteetücher hüllen und mich so aufs Schönste begrüßen.