27.07.2019 Baden-Baden

In der Lichtenthaler Allee in Baden-Baden stand bis vor zwei, drei Jahren ein riesengroßer Mammutbaum. Doch da Mammutbäume gesellige Wesen sind und er ganz alleine sein Dasein fristete, verstarb dieser, nachdem er jahrelang immer kümmerlicher anzusehen war. Man sägte ihn dann in einer Höhe von etwa zehn Metern ab und ließ den dicken mächtigen Stamm stehen. Dann kam ein Künstler und dieser Künstler sägte mit Hilfe einer Kettensäge ein rechteckiges Loch durch den Stamm, groß genug, um darin stehen zu können. Seitdem stehen da jeden Tag Leute, begaffen dieses Loch und stellen sich zum Photografiertwerden da rein.

Ich bekomme jedesmal ein Grauen, wenn ich da vorbeikomme, irgendwie hat diese Kunstaktion eine entsetzliche Wirkung auf mich und dieses rechteckige Loch im toten Baum verhöhnt irgendwie das Leben an sich.
Anscheinend bin ich nicht er einzige, der da Entsetzen empfindet: Kaum hundert Meter weiter steht eine riesige Trauerbuche. Die hatte ein Gewölbe gebildet, früher sah man da nicht durch, groß wie eine Kirche. Die hängenden Äste, dicht belaubt, schirmten die Außenwelt ab. Dieser Baum stirbt nun auch ab. Eine riesige Lücke klafft, mehrere Hauptstämme dieses Säulensystems wurden abgesägt.

Unter diesem lautlosen Sterben versammeln sich die Besucher und die Einwohner der Stadt. Wer den Eintritt bezahlt, der so teuer ist wie zwei Wochen Leben in Lyubimovo, darf durch Reihen hier gerade in Reih´und Glied aufgestellter Oldtimer-Autos gehen, die zu hunderten in die Stadt eingefallen sind. Bläuliche Abgasschwaden wabern durch die Allee. Von den angrenzenden Klosterwiese dröhnt die Stimme des Volksunterhalters kilometerweit durch das Tal, in den aufgestellten Zelten wird gefressen und gesoffen, was das Zeug hält. Dumme Musik wummert zwischen den Späßen und Ermunterungen des Unterhalters.

Eigentlich sehen fast alle Alleebäume ungesund aus.

Man feiert sich bei einem philharmonischen Konzert im Rosenpark. Schmissige Melodien, schmierig gezogene Arien aus italienischen Opern, happy happy.

Dazwischen dröhnt die grelle Stimme des enorm verstärkten Moderators kilometerweit durchs Tal, kaum eine Viertelstunde zuvor erst verstummten die letzten Baumaschinen.
Immer wieder muss ich an die Geschichte von „Pinocchio“ denken, der mit den anderen dummen und bösen Buben in diesem Vergnügungspark alles ungestraft tun darf, wozu man gerade Lust hat, dabei jedoch zu Eseln verwandelt und am anderen Ende des Vergnügungsparkes dann verkauft werden…….

Touristen mit noblen Mietautos werden von den Navigationssystemen in die Baden-Badener Baustellenfallen gelotst, wo sie dann weinend im Treibsand der Baustelle feststecken. Andere allerdings brechen aus der Zwangsmatrix aus, indem sie kühn gegen die Einbahnstrasse unterwegs sind, es wird gehupt, gepresslufthämmt, gebohrt, laubgeblasen, geflext, Polizei, Feuerwehr und Sanitäter haben ihre großen Stunden.

Alle Züge, die ich bisher benutzt habe, waren zu spät, fielen aus. Dafür gibt es ein neues Geländer, damit man nicht mehr ans Wasser kann.
In der Spitalkirche, das ist eine schöne kleine Kirche, ist ein neuer Pfaffe am Ruder. Vorher war diese schöne kleine Kirche ein Ort der Stille. Nun dudelt dort in einer Dauerschleife genau die Art von Musik, von der man glaubt, daß sie an so einem Ort dudeln müsste. Auch hier gutgemeinte Lenkung.

Wie schön waren die vier Tage, in denen ich jetzt die mongolische Gruppe „Börte“ zu Gast hatte. Abgesehen von diesem wunderschönen Konzert war ich auf einmal von dieser Herzenswärme und diesem gegenseitigen offenen Respekt eingehüllt, den ich in Deutschland nur selten registrieren kann.  Kurz war es so warm wie in Lyubimovo.