05.04.2019 Es wird langsam spannend….. am 12. April fliege ich mit meinem Regisseur und einer Mitarbeiterin seiner Firma für zwei Wochen nach Deutschland. Wir werden dort für den Dokumentarfilm drehen. Was ich bisher von diesem Material als Rohschnitt sehen konnte, das hat mich begeistert. Wenn ich ein Filmer wäre, würde ich es wohl auch so machen. Es war ein Glücksfall, auf den Aleksej Romanov und seine Firme zu stoßen. Gleichzeitig bin ich natürlich überaus gespannt, was aus der Begegnung im Fluge nach Perm mit dem Sergey Malenko und seiner zugesagten Hilfe wird, daß mir endlich ein Aufenthalt in Russland genehmigt wird. Bisher habe ich nichts in den Händen und ich weiß auch nichts. Doch immerhin sind wir in Kontakt. Dieser Kontakt besteht im Moment leider nur daraus, daß ich auf dem Mobiltelefon sehen kann, daß er versucht hat, mich zurückzurufen. Es wäre natürlich auch für unseren Film wunderbar, wenn ich mein Visum oder was auch immer bekommen würde, und dieses Ereignis quasi vor laufender Kamera stattfinden würde. Auch der Regisseur wäre begeistert. Ich natürlich noch mehr, denn bald sind zwei Jahre vergangen, seit ich den Entschluß gefaßt habe, daß ich im Ural leben will und ich bin bisher genau so weit wie vor zwei Jahren. Gestern fand Lena, meine Nachbarin heraus, daß die Mails, welche ich ihr schrieb, allesamt im Spam-Ordner ungelesen verschwunden sind. Und dann fiel mir wieder ein, daß ja bisher meine Mail-Kommunikation in Russland überhaupt nicht funktioniert. Das liegt daran, daß ich `Burger´ heiße und wegen dieser widerlichen amerikanischen Imbisskette dieses Wort, dieser Name geradewegs in den E-Mail-Abfalleimer führt. Also werde ich wohl auch zu Unrecht auf die russische Botschaft in Berlin und die in München geflucht haben, weil die auf meine wiederholten Schreiben nicht reagierten. Es wächst also da auch wieder eine Hoffnung, wenn ich nochmals schreibe beziehungsweise schreiben lasse. Ich habe jetzt mal die Stille gemessen, soweit man Stille messen kann. Stille ist ja in erster Linie eine Empfindung und es gibt sehr verschiedene Stillen. Die Stille in einer Höhle ist anders als die in der Wüste als die auf dem Meer als die in einer Einzelzelle. Mit einem Lautstärkemesser, der die Dezibel anzeigt kann man die Stille messen. Und ich habe das hier gestern, Freitag, um 17 Uhr gemacht, dachte an den Berufsverkehr in großen Städten um diese Zeit und maß 45 Dezibel. Da zuckt der Zeiger dann schon bei jeder vorbeifliegenden Biene oder Fliege kurz noch oben aus. Die Stille hier wird untermalt von dem Klang von fallenden Tropfen. Es ist so still, daß einzelne Tropfplätze mit ihren unterschiedlichen Untergründen lokalisiert werden können, selbst in vielleicht noch zwanzig Metern Entfernung. Ein polyrhythmisches Pianissimo-Kunstwerk in überwiegend silbernem Klang füllt den Raum, leises Summen vieler Insekten gesellt sich hinzu. Eine Art von Stille, die sehr beruhigend, einschläfernd geradezu wirkt. Ein weiteres Geschenk kommt nun hinzu, ein Abschiedsgeschenk des Väterchen Frost. Tagsüber ist es in der Sonne sehr warm, die Sonne am tiefblauen Himmel leckt mit ihren Strahlen den Schnee auf, deshalb ja auch überall das Tropfen. Nachts jedoch ist es deutlich unter Null Grad. So friert über Nacht der weichgewordene Schnee oben zu einer glatten und harten Fläche, die fest genug ist, daß man ohne einzubrechen da drüberlaufen kann. So ist es nun nach sechs Monaten erstmals möglich, querfeldein durch die Wälder zu gehen, ohne einzubrechen, bis zu den Hüften, jetzt immerhin noch bis zu den Knien… Was für ein schönes Gefühl das ist, auf dem spurenlos glatten und blendendblitzenden Weiß durch die Natur zu gehen. Lena, meine Nachbarin hat aus Teig kleine Knoten geformt und gebacken, die heißen Vögelchen und sehen durch eine Rosine als Auge auch etwa so aus. Diese hat sie im Wald an vielen verschiedenen Ästen aufgehängt. Das erinnert mich an den schönen heidnischen Brauch des Ostereier aufhängens, der in Deutschland mancherorts noch den Frühling begrüßt. Von Sergey Malenko habe ich am Telefon erfahren, daß ich eine weitere Warte- und Geduldszeit bis zum Juni abzureiten habe, vorher würde nichts passieren bezüglich meines Visum.