05.03. 2019 An meinem Abreisetag von Perm, dem 14. Februar, erhielt ich von der Visumsbeschaffungs-Stelle die Rechnung für das neue Visum. Das bedeutete, daß ich nun im Besitze zweier Visa in zwei auf mich ausgestellten deutschen Reisepässen mit unterschiedlichen Nummern war. Es hat mir vor Freude weiche Knie gemacht. Und so konnte ich meinen Filmies, die an den Flugplatz kamen, diese Frohbotschaft unmittelbar vor meinem Abflug kundtun. Dieser Zustand er Erleichterung und Freude, daß ich nun quasi durchgehend im Ural bleiben könne, hielt bis zu meiner Ankunft in Düsseldorf an, wo ich eine neue Mail dieser Visumbeschaffer las, in welcher die russische Botschaft in Berlin verlangte, daß ich mein altes Visum im Pass Nr. 1 ungültig stempeln lassen müsse, man dürfe nicht zwei Visa haben. Also zerbrach in diesem Moment meine Hoffnung und ein gewisses Entsetzen überkam mich, ich bin nun genausoweit wie vor zwei Jahren, nämlich überhaupt nichts ist passiert seitdem. Allerdings denke ich, daß dennoch etwas passiert ist. Es gibt viele Zeitungsartikel und Filmberichte über mich, ich bin nicht unbekannt, sondern hier bin ich der Deutsche, der im Ural leben will. Meine Mail an die russische Botschaft in München, die ich sofort schrieb, blieb ebenso unbeantwortet wie meine Mails an die von Berlin zuvor. Und doch sind viele Dinge passiert, die mir Hoffnung machen: In Baden-Baden im Cafe lernte ich zwei russische Geschäftsleute kennen, die mir helfen wollen. Man hat mir schon verschiedene Varianten aufgezeigt, das verfolge ich weiter. Dann hat die wunderbare Lena, die Frau meines Nachbarn Aleksey einen Brief an die Berliner Botschaft geschrieben und sie hat eine Antwort bekommen! Morgen, nach dem Neumond, werde ich dort wieder hinschreiben. Mein Filmie Aleks hat einen tollen Brief verfasst, den ich benutzen kann, um meine Interessen voranzutreiben. Dann saß ich auf dem Rückflug nachhause, Lyubimovo nämlich, in Moskau am Gate des Fluges nach Perm. Dann wurde das Gate geändert und das neue hatte die Nummer 122. Ich bin ja stark affin zur Zahl 61 und so dachte ich gleich, daß könne ein gutes Zeichen sein, zwei mal 61……. Und dann setzte sich ein dicker Mann neben mich, der sofort begeistert „Klaaauuuus!“ rief, als er zu seinem Platz kam. Und ich erkannte ihn trotz der Änderung seiner Figur auch…. Sergey Malenko. Hammer!!! Dem schrieb ich vor sechs Wochen in meiner Verzweiflung, daß nichts vorangeht, die Mail kam ungesendet zurück, alte e-mail-Adresse. Nun sitzt er neben mir. Dieser Sergey war in der Permer Kulturszene ein bedeutender Mann und im Jahre 2010 habe ich mit meinem Duo-Partner Matthias in einem großen Saal ein denkwürdiges Konzert gegeben, welches dieser organisiert hatte. Das war am Anfang proppenvoll und nach kurzer Zeit hatte etwa die Hälfte der Zuhörer mehr oder weniger verärgert die Flucht ergriffen, alldieweilen die Gebliebenen komplett enthusiasmiert über unsere Musik waren. Dieser Sergey ist nach Moskau in die Politik gegangen und nun ein großer Mann. Er ist im Außenministerium der Chef der Angelegenheiten für humanitäre Zusammenarbeit….. besser geht es gar nicht, außer der Putin selber hätte mir zugehört. Er versprach mir zu helfen. Das taten andere auch. Doch da bleibe ich nun dran. Mein Russisch war immerhin gut genug, daß der Taxifahrer aus dem Kaff Okhansk tatsächlich in der Früh im 06:00 Uhr am Flugplatz stand und auf mich wartete. Und das Wetter war gnädig. Es waren nur 3° minus, als ich ankam. Mein Trinkwasser ein massiver Eisklumpen, Unmengen von Schnee sind gefallen und es war sehr mühsam, das Gepäck durch die Schneemassen zum Haus zu schleppen. Also habe ich erstmal ein Feuer angemacht und mich durch den Tiefschnee zum Bach vorgekämpft, damit ich was zum Trinken habe. Inzwischen ist alles geräumt, die Sonne scheint strahlend, das Gesicht wärmend, die kurze “Warmzeit” bei meiner Ankunft ist vergessen, es sind nachts wieder minus 30°. Gestern lud ich die paar Nachbarn ein, um europäische Käse zu probieren, ich habe große Mengen mitgebracht, Camenbert, Parmigiano, Provolone, vierzehn verschieden Sorten und es war eine Freude, diesen Abend so zu zelebrieren. Heute habe ich per Handschlag den Handel mit meinem Nachbarn über einen halben Hektar Land gemacht und ihm das Geld dafür gegeben, eine große Zäsur. Ich bin also positiv genug gestimmt, daß meine Angelegenheit gut ausgehen wird. In dem Film, den Samuel Mottaki im Herbst 2017 in meinem ehemaligen Haus in Baden-Baden über mich und meine Abreise nach Russland drehte, sagte ich sinngemäß, daß das Universum von mir verlange, daß ich nackt über eine Schwelle in ein gänzlich neues Leben zu gehen habe. Das habe ich ja auch befolgt. Es war nicht zu erwarten, daß auf der anderen Seite dieser Schwelle Menschen stehen, die mich sofort in angewärmte Frotteetücher hüllen und mich so aufs Schönste begrüßen.