Lyubov-Liebe

Blog vom 13.12. 2017 bis 13.02.2019

Montag, 13. 11. 2017

Vor einer Woche habe ich mein Haus in Baden-Baden verlassen. Es war ein recht schmerzhafter Abschied, obgleich durch viele äußere Umstände meine Entscheidung, nach Russland zu wollen, gefördert wurde.

Siebzehn Jahre habe ich meine Lebenszeit, Energie und Geld in das Projekt Stephanienstrasse gesteckt. Seit einem Jahr etwa wurde der Geist, die Energie dieses Hauses, von innen und von außen so beschädigt und zerstört, daß ich keine Lust mehr habe, dieses WG-Haus wie bisher weiterzuführen.

Es gab im Juli einen Moment im Ural, der Grenzlandschaft zwischen Europa und Asien, in dem ein Freund aus Perm mich fragte: warum kommst Du nicht her, wenn Du unser Land so liebst? Während dieser Frage blickte ich auf den breiten Fluss Sylva, die Wälder auf der gegenüberliegenden Seite und mein Herz traf -ZACK!!- die Entscheidung, ohne den Verstand einzuschalten.

Fast alles habe ich verschenkt, was ich besaß. Nun ist mein materielles Leben auf knapp 90 Kilogramm Sachen reduziert, die ich teils im Flugzeug mitnahm, der Rest kommt via DHL hoffentlich demnächst an.

Vieles von diesen 90 Kilogramm braucht kein Mensch….. ich habe ein Boccia-Spiel mit Metallkugeln mitgenommen. Ich hoffe, den Russen mit Schnee-Boccia eine Freude mitzubringen. Fünf Kilo Bergkristalle, die auf meiner Dachterrasse standen, sind ebenfalls dabei und meine altmodische Kaffeemühle, die ich vor über dreißig Jahren aus Italien mitbrachte sowie “meinen” Kaffee, damit ich Menschen, welche mich besuchen kommen, genauso freundlich empfangen kann, wie ich das in Baden-Baden immer tat.

Jetzt sitze ich in der Datscha eines Freundes, der für mich wie ein großer Bruder ist und warte auf mein Restgepäck. Auch warte ich darauf, daß sich ein Treffen mit der Kultusministerin ergibt. Ich habe nur noch vierzig oder so Tage Aufenthaltsrecht auf meinem Jahresvisum und muss etwas unternehmen, damit ich überhaupt bleiben kann. Jene Frau kann mir dabei helfen…….Es ist zwar bei jedem Menschen jeder Tag ein neues Leben, jedoch empfinde ich diese Entscheidung doch auch radikal. Der Verstandeskopf würde mir immerzu abgeraten haben, wenn ich es ihm erlaubt hätte, in diese Herzensentscheidung hineinzuquatschen.

Trotz der Trauer um das verlassene Leben jedoch fühle ich jetzt schon, wie heilsam die Stille und Ruhe um mich herum wirken. Wenn ich einkaufen oder spazieren gehe, beginnt binnen Kurzen in mir ein schönes neues Lied, neue Melodien zu erklingen. So schön begleitet mich das überall hin.

Der Boden ist hartgefroren und ich mache eine neue Erfahrung von Schwierigkeit: wenn vor der Frosterstarrung ein Auto durch den Schlamm, von dem es hier reichlich auf den Feldwegen gibt, gefahren ist, dann friert das Reifenprofil mit in den Boden. Der ist dann hart und gleichzeitig ausgesprochen scharfkantig. Das geht sich barfuß etwas mühsam, weil es wehtut. 

Nachdem allerdings der Winter noch nicht richtig da ist, wird sich dieses Problemchen durch den bald reichlichst fallenden Schnee erledigt haben. Auch werde ich bei zweistelligen Minusgraden zu meinen Walenki greifen, das sind traditionelle Filzstiefel, dann ist meine Heldenzeit als Barfüßer vorbei.

Unterschiede

eine der grausigsten Übungen in Baden-Baden- das Busfahren. Besonders, wenn man nach längerem Auslandsaufenthalt, ich habe ja viel in Italien gespielt, am Bahnhof in den Bus steigt…… das liegt nicht an den Busfahrern, vielmehr an der Stimmung, der Energie, welcher man im Bus ausgesetzt ist.

Es macht mir hier in Russland überhaupt nichts aus, in einen außen ultradreckigen, stinkenden und alten Bus einzusteigen und 80 Minuten lang in die Stadt zu zuckeln. Woran liegt das, daß es mir hier nichts ausmacht? Das habe ich mich schon oft gefragt. Ein Versuch, das zu beantworten:

Hier im Ural sitzen Menschen im Bus, die, laut einem irakischen Arzt, den ich auf meinem Flug hierher kennenlernte, Eisengesichter haben, keine Miene verzieht sich. Müde von der Arbeit, vielleicht auch mürrisch. Doch ist trotzdem etwas ganz anders als in Deutschland. Man sitzt zwischen Menschen. Jeder, egal wie er konditioniert ist, ist er selber…. 

Im Unterschied dazu sitzen in Deutschland, besonders in Baden-Baden, Leute um einen herum, die etwas sein wollen. Wer etwas sein will, ist nicht da, wo das Leben ihn hingestellt hat, sehnt sich woanders hin. Gut sein wollen, schön, reich, stark, gefährlich, da kann man unendlich viele Attribute herbeizerren. Doch heißt das ja auch, daß man sich von seinen eigenen Wurzeln wegsehnt, woanders hin. So sitzt man dann zwischen Entwurzelten, die eifersüchtig über ihre private Darstellung, ihre “show”, wachen. Man sitzt zwischen Masken.

Die Ausnahmen hiervon, gibt es ja auch, werden mir diese Stellungnahme verzeihen….

Mittwoch, 15. 11.

Schlamm Schlamm Schlamm

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ein Umdenkprozess findet statt…. bisher bin ich bis etwa minus zehn Grad überall barfuss hingegangen. Doch nun ist das Thermometer hier in Perm auf etwas über Null angestiegen. Es sind, obwohl eine Millionenstadt, beileibe nicht alle Strassen und Wege asphaltiert. Nach längerem und ausgiebigem Regen ist jetzt alles, jeder Bürgersteig, jede Haupt-, jede Nebenstrasse mit einer dicken, schmierigen, vermutlich höchst fruchtbaren Schlammschicht überzogen, Gestern habe ich das noch barfuss durchschritten. Doch mit dergestalt säuisch verdreckten Füssen traue ich mich nicht, in Privatwohnungen oder ins Theater zu kommen. Gestern Abend habe ich mir in drei Stunden viermal die Füsse in fremden Badezimmern gewaschen. Das wird zu aufwendig, macht mir zu viel Wind um meine Eigenart. Ich probiere nun, mit dicksohligen Flipflops dieses Ungemach zu kompensieren.

Die allerbesten Birnen der letzten Jahre, Jahrzehnte, die habe ich hier und jetzt gerade gegessen. Da kann noch nicht einmal die Markthalle vom Wagener in Baden-Baden mithalten.

Und endlich sah ich einen Besoffenen, von denen wurde mir in Deutschland immer schon viel erzählt. Friedvoll, im Matsche, bei einem Grad plus, etwas zusammengerollt, an einer Mauer nahe dem Wochenmarkt, da lag er und schlief seinen Rausch aus. Endlich.

Eine erste Anfrage, ob ich bei irgendwelchen Yoga-Menschen Musik machen würde, gegen bares. Mal schauen.

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also, der gestrige Tag in den Flipflops….puuuhh!…. die haben mir an beiden Füßen größere Flächen Haut abgeschubbert bis aufs blanke Fleisch. Ich bin nicht sehr zimperlich. Jedoch war der Heimweg schon recht schmerzhaft. Kaum draussen aus der Stadt, habe ich die Dinger von den Füssen gerissen, bin dann in Stockdunkelheit auf diesem Wege heimgehumpelt. Ein Segen war jede Pfütze, deren Eisdecke ich durchtrat, der eisige Matsch eine enorme Labsal, beinahe hätte ich ein Zischen vernommen, als wenn die Glut gelöscht würde. Dazu ein fieser winziger Fremdkörper in der Sohle, den ich heute nach längerem Herumbohren endlich rausbekam… Jetzt ist alles gut und ich lächele drüber.

Auf dem zweiten Bild sieht man gefrorenen Schlamm und dann kann man auch verstehen, daß, besonders bei Dunkelheit, vorsichtig gegangen werden sollte, leicht kann man sich einen Zeh abbrechen, wenn man zu forsch voranschreitet. Was ich heute sehr irre fand: trotz Minusgraden flogen viele kleine Mücklein rum. Das hat mich irgendwie sehr gefreut und berührt. Auch in meiner Datscha leben zwei dicke fette Fliegen, die mich irgendwie erfreuen, weil wir uns nun schon zehn Tage lang kennen.

Mein Freund Boris, in dessen Datscha ich großzügigerweise leben kann, ist ein international renommierter Regisseur und Theaterdirektor. Es ist in der Endprobenphase für das Hauff´sche Märchen vom “Zwerg Nase”. Die im Märchen vorkommende Gans ist tatsächlich eine echte Gans, die dressiert ist. Ich bin nun schon in manche Probe gegangen. Mir kommen die Tränen, so schön und ergreifend ist das. Die Gans scheint nicht nur dressiert zu sein, sondern auch zu wissen, was sie da tut. Zwerg Nase und die Gans umarmen sich richtig und lieben sich innig, so etwas Schönes habe ich noch nicht gesehen. Dazu die ergreifende russische Musik…… was für ein Glück, so etwas zu erleben.

Das russische Theater war für mich schon erstmal gewöhnungsbedürftig. Das tendiert immer in Richtung Musical, es wird viel gesungen während der Stücke. Nachdem ich jedoch einmal nicht aus dem Theater geflohen bin, das ist schon zwei Jahre her, habe ich endlich die Magie mitbekommen. Eine gänzlich andere Art von Theater als bei uns, nichts ist zynisch oder derb oder fäkal oder sonstwie mit den Eigenschaften versehen, die aktuelles deutsches Theater so ausmacht. Das geht geradeaus mitten ins Herz.

Dem Boris habe ich eine Sprachaufnahme des Originaltextes von 1827 “auf Band” gesprochen und eine 62 Minuten Cd davon gemacht. Vielleicht interessiert sich wer von den Schulen dafür…. wie auch immer.

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Freitag, 17.11.

es hat zu schneien begonnen. Und auf dem Weg draussen war ich nicht nur von Schneeflocken umschwärmt, sondern auch von hunderten dieser niedlichen kleinen Mückentierchen. So etwas hätte ich nicht geglaubt, daß es Insekten gibt, die bei deutlichen Minusgraden, vier Grad minus nämlich, fröhlich herumschwirren. 

Noch etwas ist mir aufgefallen: Die Tauben in Perm haben ihre Zehen dran, sie humpeln nicht auf Stummeln durch die Stadt. Woran das wohl liegt??

Und noch etwas: Die stämmige- freundliche Schaffnerin im Bus, die kennt die Schulkinder mit Namen. Sie hat Bonbons in der Tasche, verteilt diese rundherum. In jedem russischen Bus oder Tram ist eine Schaffnerin, die die Tickets verkauft und auch für Sauberkeit sorgt. Diese kleinen Dinge hier transportieren Menschlichkeit in Bereiche, in denen in Deutschland schon lange eine korrekte Wüste ausgebrochen ist. Ich freue mich auch schon wieder, wenn die Schaffnerin Veronika mich das nächste Mal mit “guten Tag, Klaus” stolz begrüßt, weil sie sich aus Schulzeiten an ein paar Worte Deutsch erinnert.

Ich ziele nun mit meinen Steuergeldern auf mich selbst, so, Nato-technisch gesehen….. interessanter Irrsinn.

Samstag, 18.11.

sehr unschöne Szene:

ein Mann hat einen großen Beutel voller alter Schuhe und Kleidung. Er schmeißt alles, mitten in der Stadt, in einer Grünfläche, den Abhang runter

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Spuren…..   spuren müssen…..     wehe dem, der nicht spurt……

Wie schön das ist, auf dem russischen Land ohne Kirchenglocken leben zu können..
Die Zeit, das Erfahren von Zeit bekommt eine völlig neue Qualität. Bis etwa 9 Uhr früh herrscht hier nun die Dunkelheit. Es ist mir völlig gleichgültig, wie spät es ist, wenn ich erwache und wann ich aufstehe, pendelt sich jedoch langsam auf etwa 8 Uhr ein. Gewöhnungsbedürftig ist das erstmal nämlich schon, dass hier deutlich länger Dunkelheit ist als man zu schlafen vermag. 
Ein Segen, ohne Uhr leben zu können.
Wie anders hat sich das in Baden-Baden dargeboten. Da wird, vollkommen gleichgültig, ob Sommer oder Winter, ob noch Nacht oder schon stundenlang Tag, um 06:15 die heilige Stille, soweit sie nicht schon von rückwärts fahrenden Lkw mit blödem Quieken oder Piepsen zerschunden ist, endgültig durch ein aggressives „PLÄMMM – PÄMMM!!!!!!!“ ruiniert. Und die Glocken von dieser zentralen Stadtkirche sind aus Eisen. Deren Klang wohnt keine Lobpreisung und keine Gnade inne. Sie repräsentieren Stahlsinn, preußische Tugenden, sie sind gewissermassen ins grotesk vergrößerte Pickelhauben oder wie riesige Stahlhelme, die unerbittlich hämmernd zu Gehorsam und weiteren Sekundärtugenden antreiben. Ein Leben im Kreis, immer im Kreis rum, den Begriff Hamsterrad habe ich verschiedentlich in meinem ehemaligen Umfeld vernommen.
Mein mit DHL geschicktes Gepäck ist nun endlich angekommen, ich habe, was ich brauche und würde gerne ganz bald in das Ökodorf Lyubimowa weiterziehen, in das Holzhaus, welches dort auf mich wartet, zu den Menschen dort, die sich freuen, daß ich komme, so, wie ich mich auch freue. Jedoch ist mein Aufenthalt hier vom russischen Staat noch nicht abgesegnet. Eckart Tolle, steh mir bei……..

Donnerstag, 23.11.

Suchtfutter:

bevor ich herkam, habe ich weder Gurken noch Dill gemocht, regelrecht gemieden habe ich das. Das hat sich total geändert.

Nimm die kleinen Gurken, nicht die sogenannten Schlangengurken, sondern die kleinen, aus denen Salz- oder Essiggurken gemacht werden, viertele diese der Länge nach. Koblauch, ebenso Dill feingeschnitten dazugeben und Salz und Zucker im Verhältnis 2:1 drüber. Die Menge ist ein Erfahrungswert, das bekommt man leicht raus. Gut vermischen und, man könnte jetzt noch Gurkengewürz dazutun, braucht es jedoch nicht wirklich…einige Zeit ziehen lassen. Nach zwei bis drei Stunden ist das Suchtfutter fertig.

Am Nachmittag übersteigt das Thermometer kurz den Gefrierpunkt, dann ist auf den vereisten Wegen ein leichter Feuchtigkeitsfilm. Kurz darauf friert es wieder. So werden die Wege immer glatter, man könnte besser Schlittschuhlaufen als hier gehen. Beim Einkaufsgang hat es mich zweimal hingehauen. So gesehen freue ich mich auf stabile Minusgrade und eventuell etwas Schnee auf die spiegelglatten Flächen, damit das wieder leichter zu begehen ist. Die Pfützen sind nun bis auf den Grund durchgefroren, ich probiere gerade die Walenki aus, das sind Filzstiefel, eigentlich recht weich, jedoch eröffnen sich, wörtlich gemeint, erneut Abwetzstellen an meinen Beinen und Füßen.

Ein improvisiertes Vogelfutterhäuschen habe ich auf dem Balkon installiert und viele Meisen und einige Kleiber haben das bereits entdeckt. Die Kleiber sind hier größer und genauso frech zu den Meisen wie in Deutschland. Das rosaweiße Eichhörnchen ist eher ein Eichhorn, mindestens kaninchengroß. Und im Hintergrund, auf dem Fluß Sylva, da kann ich regelrecht zusehen, wie sich das klare Spiegelbild des Himmels auf der Wasseroberfläche durch beginnende Vereisung eintrübt. Vielleicht ist morgen früh schon die Eisschicht geschlossen. Einige tapfere Angler tuckern noch rum,

Der Goebbels und der Hitler, die haben erfolgreich ein Bild von Russen erzeugt, was später dann die westlich-transatlantische Wertegemeinschaft aufgriff und in welchem immer noch wirkt der Geist deutschen Herrenmenschentums:
Depressive Säufer, diese Russen, sich in Schlamme voll faulig-angefressener Kohlstrünke und durchfeuchtet von Wodka-Erbrochenen wälzend, mit verschlissenen und verschissenen Tolstoi-Büchern ebendort Maul und Arsch wischend.

Jedoch sieht man weniger Besoffene in der Öffentlichkeit als in Deutschland, in den öffentlichen Verkehrsmitteln geht man höflicher miteinander um, gastfreundlicher ist man allemal. Viele Russen bewundern Deutschland, lieben es und Ressentiments wegen der Verbrechen der Deutschen gegen die Russen habe ich nicht mitbekommen. Die Menschen haben weniger, besonders weniger Sorgen. Leider ist noch kein Umweltbewußtsein da, vieles voller Abfall. Die Menge an Plastikmüll proportional viel höher. Noch keine Mülltrennung.

Im Dorfladen gibt es Kiwi, Mandarinen, Granatäpfel, Kaki, Bananen, Orangen, weiße und rote Weintrauben, Ingwer….. neben den einheimischen Sachen, wenn man Karotten schneidet, hat man hinterher gelbe Finger. Die Birnen sind, wie erwähnt, der absolute Hammer, jetzt muss ich den Futtereinsatz am Vogelhäuschen verdreifachen, die Eichhörner hier wiegen vielleicht ein Kilogramm!

Samstag, 25.11.

„Isst Du Fisch?“ fragte Georgi, der Georgier, Chef des georgischen Lokals „Kukuruza“, nachdem er mich diskret und elegant sofort nach meinem Eintreffen hinter die Theke bugsierte, es war da nämlich gerade eine geschlossene Veranstaltung an diesem Abend, wohl eine Hochzeit.

Ich hatte an einem Imbisstand kurz zuvor noch zwei mit Kraut gefüllte Teigbatzen, Dschiburiekije oder so ähnlich, gegessen, um das Bier auch vertragen zu können, das ich bei Georgi trinken wollte. Meine Absicht war, die Zeit bis zur Abfahrt meines Bus irgendwie möglichst angenehm zu verbringen,

Also sitze ich nun bei Georgi, dem Georgier, hinter der Theke, er schiebt zwei Barhocker zu einer Art Tisch zusammen und seine hübschen Bedienungen tischen bzw barhockern, wie geschildert, hinter der Theke auf…. Sofort steht da ein großer Teller mit diversen geräucherten Fischteilen, Lachs, Stör, Hering, Salat, Fetakäse etc.,  köstlich!!! 

Und schon hat Georgi, der Georgier, seine Bedienungen angewiesen, uns Tschjatscha zu bringen, eine mörderische Flüssigkeit, zwar wunderbar zum Schlucken, jedoch durch die gut 60% Alkohol, welche man erstmal nicht merkt, ein sehr gefährliches Getränk…

Ich kenne nun Georg, den Georgier, seit mehr als zwei Jahren. Als ich das erste Mal da reinkam, habe ich meine beiden Biere noch bezahlen können. Seitdem nie mehr irgendetwas.. Ich habe nie mehr etwas, was ich dort konsumierte, bezahlen können oder dürfen und ich habe verstanden, daß er richtig sauer wäre, wenn ich seine Gastfreundschaft nicht akzepieren würde. 

„Plötzlich stoppt Projdakow, steigt aus und zeigt auf ein zerfallenes Haus jenseits der Felder: “Dort war früher das Dorf Kolesnikowa, dort haben die Deutschen meinen Vater und meine Schwester erschossen, 20 war sie. Am 19. April 1942.”
Er sagt es ohne jede Bewegung in der Stimme, steigt wieder ein, zehn Minuten später sind wir am Ziel. Projdakow beginnt, sein Dorf vorzustellen -, “und dort rechts bei den drei Birken war früher die Banja. Dort haben sie meine Mutter umgebracht. Sie haben sie vergewaltigt, ihr dann die Zähne ausgeschlagen, die Hände gebrochen und sie mit vier Bajonettstichen getötet. Kommen Sie, die Geburtstagsgäste sind gleich da.”
http://www.spiegel.de/einestages/ostfront-a-946488.html

Zu dieser schrecklichen Geschichte fällt mir etwas ein:
Vor einigen Jahren hatte ich einen Workshop und ein Konzert in einer Stadt mit dem schönen Namen Tschaikowskij. Am Ende meines Workshops habe ich mit den anwesenden Musiklehrern eine Performance gemacht nach einem Konzept, das ich „Kino für die Ohren“ nannte, akustisch durchorganisierte Ereignisse, die auf das Auge keine Rücksicht nehmen, Hörstücke……. Hinten im Kulturpalast war irgendetwas im Gange, ich sah, daß uralte Männer ohne irgendwelchen Lärm zu machen große und riesengroße Fahnen schwenkten, konnte mir darauf keinen Reim machen. Als ich dann vor den Kulturpalast trat, um mein Konzert, komplett solo,  zu beginnen, war hinter den bestimmt 4.000 anwesenden Menschen ein regelrechtes Fahnenmeer. Ich sah russische Kriegsfahnen und auch die deutsche Fahne SchwarzRotGold war reichlich vertreten. Nach meinem Auftritt kam dann eine große Anzahl uralter Männer, die die Fahnen schwenkten, zur Bühne, viele weinten und küssten mir die Hände. „es war eine schreckliche Zeit, lasst uns Gott dafür danken, dass wir nun Freunde sind“ das war der einhellige Tenor der Greise. Geschehen Anfang Mai, dem Tag der deutschen Kaputulation im 2. Weltkrieg. Als sie erfahren hatten, daß ein Deutscher ausgerechnet an diesem Nationalfeiertag bei ihnen spielen würde, hatte sie sich deutsche Fahnen nähen lassen, um mich richtig begrüßen zu können.
Seltsame Attribute, wie aus alten Zeiten, kommen mir beim Busfahren in den Sinn: gütige Gesichter, gütig, was würde ich in Deutschland mit so einem Wort anfangen? Hier macht es Sinn, trifft mich mitten ins Herz. Eisengesichter, so hat es der Iraker genannt. Ich wiederum erkenne Güte, ein Wort, welches ich nichtmal genau definieren kann.

Sonntag, 26.11.

wenn die Bahn in Deutschald nur annähernd so pünktlich wäre wie der Provinzbus im Ural……

Dienstag, 28.11.

Via Internet bin ich mit der Außenwelt verbunden, bekomme also die Empörung über die Glyphosatentscheidung mit. Schön zu wissen, daß diese Scheisse hier in Russland nicht passiert.

Ein Gedanke:

Wenn nun irgendwann Frau Holle über Deutschland ihre Kissen schüttelt und der weisse, weiche und unschuldige Schnee in allerhübschesten Flöckchen herniederschwebt, dann stehen unten schon Heerscharen von Uneingeweihten, die sich mit Streusalz gewappnet haben, um dieses Himmelsgeschenk sofort mit diesem absichtsvoll vergiftetem Salz –  ja! das ist nämlich „vergällt“, mit Petroleum oder ähnlichem ungenießbar gemacht, um die Salzsteuer einzusparen – wegzuätzen als störend, hinderlich und weitere Sachzwangsargumente. 

Oberschenkelhalsbruch einer Oma, nicht versichert, 60.000.- € Schadensersatz

das ist in jedes Endzeitlemmings Hirnresten angsterzeugend abgespeichert.

Da wir Menschen zu zwei Dritteln aus Wasser bestehen, entsprechend der Oberfläche von Mutter Erde und Wasser offenkundig ein Gedächtnis besitzt, möge man sich in einem ruhigen Moment mal ausmalen, was sich die unschuldige weiche, weisse Schneeflocke merkt, wenn sie sogestalt vergiftet und weggeätzt wird. Wie Mutter Erde sich vor Schmerzen krümmt. Stellt euch mal nur zehn Minuten in eine Schüssel mit Streusalz, ich als Barfußmann weiß, wovon ich schreibe. So macht man sich das Lebensgrundelement Wasser zum Feind. 

Vielleicht würde die Glyphosatscheisse nach dem Gesetz der „Wie-Oben-so-Unten“-Entsprechungslehre überhaupt nicht existent sein, wenn jeder da anfängt, Frieden mit Mutter Erde zu schließen, wo er es kann. Zum Beispiel dem rigorosen Verzicht auf Streusalz.

Wie wunderschön war die Aufführung von „Zwerg Nase“. Am Sonntag Nachmittag war ich drin. Eintausend Menschen im Saal. Wenn ich mir vorstelle, daß der von den öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührnachrichten als Kremlchef bezeichnete Präsident gut achzig Prozent Wählerstimmen bekommt, so waren im Saal um die 800 Putinwähler. Das widerwärtigste Argument der deutschen Medienmachthaber, teilweise kenne ich solche persönlich vom SWR , welches man sich anhören muss: „wir haben ja gar nichts gegen die Russen, nur der Putin muss weg“ und dann wird Panzerkolonne um Panzerkolonne an die Ostfront gekarrt. 
Dieselben Wesen beglücken euch mit Glyphosat.

Ich habe jetzt Bekanntschaft mit einem ökologischen Einzelkämpfer. Slawa, ein kleiner, total durchtrainierter Vierzigjähriger, der im Alleingang versucht, hier Bewußtsein für Umweltschutz zu organisieren. Er, russischer Ex-Meister in einer ostasiatischen Kampfart während seiner Zeit als Berufssoldat, hat im letzten halben Jahr über hundert Tonnen alte Batterien gesammelt und einer Entsorgung zugeführt. Ich werde ihn, wenn ich bleiben kann, unbedingt unterstützen. Ich saß am Samstag mit Slawa im Café und wir sprachen miteinander, soweit das halt geht. Und er hat währenddessen schon wegen mir telephoniert und gestern, am Montag, hatte ich mit Slawa zusammen bereits einen Termin mit einem Abgeordneten der Russischen Staatsduma, einem Bundestagsabgeordneten entsprechend, einem Mann mit gütigen Augen. Der hat gelächelt, seine Sekretärin auch, als ich mein Anliegen vorbrachte, versprach mir, einen Brief zu schreiben, eine Empfehlung, um den Akt der Verwaltung so klein wie möglich zu halten. 

Irgendwie empfand ich das schon als Ehre, barfuß durch dieses Präsidalgebäude auf dicken Teppichen endlos lange Gänge zu gehen, die Mädels lächeln, bei vielen Menschen geht der Daumen hoch……Schön!

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Donnerstag, 30.11.

Es ist grau und still. Vielleicht hatte das hiesige Grau die DDR inspiriert. Der Fluss vor meinem Fenster ist jetzt komplett zugefroren. Die Fische und die anderen Wassertiere haben nur noch die Gelegenheit, sich bis zum nächsten Schneefall am Himmelslicht, welches auch etwas gelbgrau daherkommt, zu erfreuen. Denn der nächste Schneefall wird die Eisflächen bedecken und dann abdunkeln, und zwar komplett und es wird eine stille Nacht werden, die etwa sechs Monate lang andauern wird, bis die Eisdecke wieder weggeschmolzen ist.

Ich kann über viel unnützes Zeug nachsinnen, denn ich habe ja die Zeit dazu.Zum Beispiel habe ich eine Antwort gefunden auf die Frage, was die Sonne niemals sehen kann..Na, was könnte das sein? Es sind die Dinge, die im Schatten sind. So kleine Erkenntnisse bekommen in der Stille hier ein anderes Gewicht, weil ja, wenn man in Entsprechungen zu denken gelernt hat, das auch bedeutet, dass das Licht die Finsternis nicht sehen kann. Und schaut man sich die Finsternis an, die zum Beispiel die Medien über die sie be(tr)achtende Menschheit auskippt, so könnte man zu dem Schluss kommen, daß man tunlichst seine Betrachtungsposition in die Richtung lichterer Gegenden oder gleich ganz ins Licht verändern sollte, denn die Dunkelheit kann das Licht ja auch nicht sehen. Wer also ins Licht will, sollte zum Beispiel die Glotze rausschmeißen.

Gestern habe ich mit Belal, dem usbekischen Nachbarskind, Boccia gespielt. Er war davon begeistert, kam heute wieder an und wir waren anderthalb Stunden im Garten und spielten, bis es zu dunkel wurde. Da die Bocciakugeln aus Stahl sind, sind sie natürlich eiskalt bei den etwa minus 7° Grad. Morgen fahre ich in die Stadt und kaufe mir Handschuhe, denn das ist schon derb an den Fingern. Am morgigen Abend werde ich einen Reisevortrag eines Freundes musikalisch umrahmen, der in 9 ½ Monaten durch 18 Länder gereist ist, dabei 60 000 Kilometer zurückgelegt, für Frieden und Freundschaft mit der Welt, Yogamann, Kampfsport und Veganer. Diese Mischung findet man hier erstaunlich oft. Es gibt also auch noch eine andere Art von reisenden Russen als diejenigen, die mit extrem viel Geld in Nobelkurorten den Protz geben.

Ich verstehe jeden Tag ein bißchen mehr Russisch, manchmal bin ich sogar stolz drauf. Es hat mich ein älterer Mann auf dem Weg zum Einkaufen gefragt, ob ich einen Hund gesehen hätte. Einen Kaukasier. Ich verneinte. Auf dem Rückweg kam mir das Riesenvieh entgegen, mit einer langen Leine, die er hinter sich herzog. Ich habe die Leine genommen und den Hund, der recht freundlich mit mir mitging, zu seinem Besitzer gebracht, gezogen darf ich nicht schreiben, denn wenn er nicht gewollt hätte, dann hätte ich ihn nicht ziehen können, der wiegt mehr als ich und hat unglaubliche Kraft. Auf mich, beziehungsweise die Datscha, passt auch so einer auf.

Montag, 4.12.

Am Freitag abend habe ich auf dem Vortrag eines Freundes Musik gemacht. Inhalt des Vortrages, den Aleksander total professionell, mit Humor und phantastisch guten Photos seiner Reise würzte, war, Friedens- und Freundschaftsgrüße aus Russland durch die Welt zu tragen. In neun Monaten durch siebzehn Länder gereist ist er und hat dabei 60 000 Kilometer zurückgelegt. Nun, solche Distanzen legen manche Berufsmusiker im dicken Auto auch zurück, jedoch nicht mit schepperigen Bussen durch den Himalya oder die Anden oder marokkanische Wüsten….

Dass er in Australien als potentieller Feind, weil er ja Russe und Australien im westlichen Wertezirkel eingegliedert ist, nicht einreisen durfte, hat eher grosses Gelächter hervorgerufen. Es erzählte das auch recht lustig.

Sehr berührt hat mich, daß er in allen Ländern Menschen in die Kamera sprechen ließ, und was diese am meisten wünschen würden. Und, egal ob in Chile, Indien, Ukraine, Vietnam, alle wünschten Frieden zwischen allen Menschen. 

Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß er großartig diejenigen rausgefiltert hat, die den Sieg ihres jeweiligen politischen oder religiösen Systems über irgendwelche anderen als Hauptwunsch nannten, glaube ich nicht.
Der vollbesetzte Saal war begeistert und berührt, auch ich bekam sehr schöne Rückmeldungen für mein Spiel. Danach saßen wir in einem „slow-food“ Restaurant zusammen, neben mir ein Heiler. Solche Menschen treffe ich hier oft. Der hat mir erstaunliche Dinge erzählt über den Effekt, den der länger andauernde Verzicht auf Trinken, also jegliche Flüssigkeitsaufnahme, bewirken würde. Er selber habe nach neun Tagen die Trockenzeit beendet, kenne jedoch einen Menschen in Karelien, nahe Finnland, der das 27 Tage durchgezogen habe. 
Da wird mancher in meiner Heimat höhnisch auflachen, was das für ein Quatsch sei, ich würde ihn einfach lachen lassen. Es gibt doch deutlich mehr Dinge auf der Welt, als einem in der Schule oder vom System vermittelt wird. Ich lebe ja auch noch, trotz barfuss seit 35 Jahren. Was hat man mir alles prophezeit, was für Blödsinn steht geschrieben über Erfrierungen, in welcher Frist bei welcher Temperatur und so weiter…

Nun ist es soweit, der Wassertiere Nacht hat begonnen. Gestern, Sonntag begann es zu schneien. Der Weg ist noch glatter. Als ob man auf winzigen Kugeln stünde. An manchen Stellen kann man kaum stehen. In jedes Schlagloch rutscht man unweigerlich rein und kann froh sein, daß der Schnee die Stürze weicher werden lässt. Gestern abend habe ich für etwa anderthalb Kilometer vierzig Minuten gebraucht. Es ist an der Zeit, daß ich mir Stöcke zulege.
Dann habe ich am Samstag die Schaffnerin Veronika wieder getroffen, sie hatte wohl frei oder war auf einer anderen Buslinie eingesetzt. Ich habe ihr eine Bergkristallspitze geschenkt und gesagt, daß ich diese schon seit fünf Tagen mit mir rumschleppe und nun endlich könne ich ihr das geben. Was für große Augen. So ein schöner Moment. 
Den Container für alte Batterien habe ich dem Boris für das Theater gar nicht aufschwatzen müssen, er hat Zack! sofort zugesagt, diesen aufstellen zu lassen, nachdem ich von dem heldenhaften Einsatz von Slava erzählte.

aus dem Vortrag

heute früh, 4.12.

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Donnerstag, 7.11.

Es schneit seit nunmehr drei bis vier Tagen beinahe ununterbrochen. Das macht das Gehen zwar etwas mühsamer, jedoch liegt nun auch recht dick der Schnee auf den spiegelglatten Eisschichten der Wege und Strassen. Und deshalb rutscht man wesentlich weniger aus und fällt nicht andauernd hin, sondern kommt wieder ganz gut vom Fleck. Die Stille und die Weite, welche mich hier umgeben, die sind wunderschön. Das Geratter des Denk-Kopfes, dieses pausenfreie Geschwafel, Abwägen, Werten und Diskutieren, das durch die Lebensumstände in Deutschland im Kopf stattfindet und weiter und weiter genährt wird durch ein Bombardement von nachrangigen Informationen, Lärm und Sorgen jeder Art kommt hier zum Erliegen, so, wie ein ICE ausrollt, dem der Strom aus der Oberleitung entzogen wurde.
Es ist immer noch nicht so richtig kalt, die Temperaturen sind einstellig unter Null Grad. Dauerfrost. Die Zeit der dreckigen Füße ist vorbei. Wo der Schnee festgefahren wurde von den Autoreifen, da kann ich wieder mit Flipflops gehen. Jedoch habe ich oft auch meine Walenki an, das sind Filzstiefel. Leicht und bequem, das fühlt sich an wie vier Paar Schafswollsocken übereinander, die hatte ich im letzten Winter hier schon benutzt, auch bei minus 30° ist das überhaupt kein Problem und kalte Füsse bekommt man damit nicht.
Meine Vogelfütterstelle habe ich umbauen müssen. Es kommen nun zwei Eichhörner, die nicht nur neugierig, sondern immer aufs neue gierig sind, Furcht kennen die nicht, gehen kaum zur Seite, wenn ich die Balkontüre öffne, um neue Körner auszubringen. Für die Vöglein, überwiegend Meisen, drei verschiedene Arten, ansonsten Kleiber, keine Gimpel oder sonstwas, habe ich die alte Teekanne an einer Schnur aufgehängt, wo die Eichhörner nicht hinkommen. Jedoch sie versuchen es ohne Pause und ich lache mich fast schlapp, weil sie an der Wand wieder runterrutschen, der Sprung gelingt nicht.
Die Meisen haben untereinander eine große Disziplin, drängeln nicht, zanken nicht und warten, eine nach der anderen, bis die Kanne frei ist, es passt immer nur eine rein. Nur die Kleiber sind unverschämt bis aggressiv, jagen die anderen weg und nehmen auch immer gleich etliche Körner anstatt eines, wie die Meisen.
Eine junge Frau hat den Kontakt zu mir gesucht, verehrt meine Musik, wie ich es zuvor nicht erlebt habe. Sie kam einen Nachmittag lang aus der Stadt hierher und hat mir dieses Bild geschenkt, das sie nach dem Motiv eines Video aus meinem You-Tube Kanal gemalt hat, Tee mitgebracht und Zedernnüsse. 
Tage später stellt sich heraus, dass sie nicht in Aleksanders Vortrag gehen konnte, da sie das Geld dafür nicht hatte und sie sich das Geld für den Bus, um hierher zu kommen, erbettelt hat. Ihre Bilder verkauft sie nicht, sondern verschenkt sie, arbeitet nicht, malt und tanzt. 
Vielleicht klingt das für Deutschland lächerlich, hier trifft es mich mitten ins Herz. Bettelarm, und näher dran an „heilig“, habe ich noch niemanden getroffen.

Freitag hatte ich mich mit dem Slawa, der hier die Ökoprojekte betreibt, an einer Strassenecke in Perm verabredet. Gottseidank ist er ein pünktilicher Mensch. Es windete stark und bei minus acht lange rumstehen, dafür war ich mit einer Kleidungsschicht zu wenig ausgerüstet. Er kam, wir warteten auf ein Auto, ich hatte keine Ahnung eigentlich, was wir machen, außer, zu einer Schule zu fahren. Dann Ankunft dort.

In den russischen Schulen ist am Eingang ein Drehkreuz mit Sensor, also nur Leute können rein, die den richtigen Sendechip dabei haben und dann steht da auch immer noch ein Security-Mann und passt auf. Der Security-Mann hat uns schon erwartet, öffnet uns und ruft die Direktorin an. Die ist gleich da, entschuldigt sich für ihr mäßiges Deutsch und bittet uns dann in hervorragendem Englisch, mitzukommen. Sie heiße Irina und sie würde sich freuen, so einen berühmten Mann (mich) in ihrer Schule begrüßen zu dürfen. Dieses sei die Schule „Nummer Acht“ mit 1.600 Schülern recht groß. Aha. Sie führt mich, nachdem wir Mäntel etc abgelegt haben, in einen größeren Raum, in dem etwa zwei Dutzend junge Menschen sitzen. Ich habe keine Ahnung, was ich da jetzt soll. „hier habt ihr den Mann von draußen, der war in der ganzen Welt“ sagt sie auf Englisch, „jetzt könnt ihr Fragen stellen“ Es beginnt etwas verschüchtert und wird dann doch interessant, ich werde gebeten zu erzählen, warum ich den Ural und die Menschen dort liebe, wo ich überall war etc. Man hat mich also in einen Englisch-Leistungskurs gesteckt, damit die Schüler in freier Rede kommunizieren lernen.  In Nullkommanichts sind zwei Unterrichtsstunden vergangen. Danach das Gleiche nochmal mit einer anderen Gruppe. Ein Mädchen bekommt Tränen in die Augen, als sie mich fragt, wie man von daheim weggehen könne. Ich habe eine unglaubliche Betroffenheit bemerkt, daß jemand seine Heimat, sein Vaterland, seine Erde, so einfach verläßt. Nunja, ganz einfach war es ja nicht, jedoch auch kein Grund für irgendwelches Tamtam, so ist mein Tenor hierzu. Bei der zweiten Gruppe war ich dann auch schon deutlich kühner, habe erzählt von Kunstprojekten, die ich schon alle in der Perm Region durchgezogen habe, „Kino für die Ohren“ und mache an einem kleinen Beispiel klar, was ich meine. Schade, da´ich vorher nicht wusste, was der Tag bringt, denn ich hätte jetzt gern ein Instrument dabei gehabt. Muss dann sogar ein deutsches Weihnachtslied vorsingen. Ausgerechnet ich, der diese Weihnachtslieder schon immer gehasst und verabscheut hat. 

Kommandierter Rührungszwang, heilig heilig, Feuerzangenbowle, Rümann, das sind die Assoziationen bei mir.

Irina, die Direktorin ist glücklich über den Verlauf des Tages, wir sitzen dann lange in ihrem Büro bei Tee und Fisch im Brotteig eingebacken. Sie möchte unbedingt mit mir weitermachen. Ich habe nichts dagegen, mir fallen verschiedene Projektmöglichkeiten ein, leuchtende Augen bei dieser wunderbaren Frau. Nur, halt, ich habe ja immer noch keine Aufenthaltserlaubnis.

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Später am Tag hat Slawa einen Termin mit dem technischen Leiter des Theaters wegen des Batteriecontainers. Habe ich vermittelt, das erfüllt mich mit Dankbarkeit, daß ich konstruktiv wirken darf. 

Und ich war bei Boris, dem Direktor. Er hat mit der Kultusministerin gesprochen. Sie sei sehr interessiert an mir. Diese Woche, am Donnerstag oder Freitag, habe ich dort Termin. Mehr dazu schreibe ich erst, wenn die Dinge spruchreif sind.

Alle Kinder, die ich bisher gefragt habe, das sind schon einige, gehen gerne in die Schule. Keiner hat gesagt, daß er die Schule hassen würde. Die komplette Umkehrung meiner deutschen Erfahrung. 

Als ich abends platt im überfüllten Bus in mein Dorf zurückzuckele, sitzt mir eine hübsche junge Mutter mit ihrer vielleicht acht- oder neunjährigen Tochter gegenüber und sie üben zusammen Englisch. Wie schön, mal eine Mutter zu sehen, die ruhig und ernsthaft, geduldig, liebevoll und ohne jeden Stress mit ihrem Kind umgeht. Nichts Scharfes, Lautes, Genervtes.

Tags darauf spiele ich auf Bitten hin in einem Yogazentrum. Da sitzen Menschen und malen „meditativ“, während ich sie mit hübschen Sansula- und Maultrommeltönen umlulle. Das ist auch eine ganz neue Erfahrung für mich gewesen und es hat mit gefallen.

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Inzwischen ist der Schnee auf dem Feldweg nachhause von einem großen Radlader plattgedrückt worden und man kann nun wunderbar laufen, rutscht kaum noch aus. Die Temperaturen sind jetzt auf etwa minus 20° gesunken, die Sonne strahlt, der Schnee knirscht unten den Füßen. Da jubelt mein Herz. Also wollte ich gleich rüber, über den Fluß Sylwa, auf der anderen Seite ist eine Quelle, die ich liebe, um dort Wasser zu holen und meine Kristalle reinzulegen. Ich kam nicht sehr weit. Dann hat einer der Männer, die vom Eisangeln zurückkehrten, mich eindringlich gewarnt: Meine Walenki-Stiefel haben keine Sohle. An vielen Stellen würde Wasser auf dem Eise, jedoch unsichtbar unter der Schneedecke, dahinfliessen, nicht sehr tief oder hoch(?). Und das sei ausgesprochen gefährlich, wenn sich mein Schuhwerk vollsaugen würde. Ich dankte dem fremden Mann für diesen ungebetenen, jedoch sehr hilfreichen Ratschlag und kehrte um.

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Bei minus 20° und strahlender Sonne über den breiten Fluss gewandert, zu “meiner Quelle”. Meine Bergkristalle dort abgespült. Zauberwelten, nie zuvor gesehen, 

Mittwoch, 13.12.

Heute war ich mit Alexey in der Stadt verabredet, Er lebt in dem Dorf, in das ich seit Wochen schon will, um dort den Winter zu verbringen. 
Ich hatte eine große Menge seines Tees bestellt. 
Aus dem Schmalblättrigen Weidenröschen stellt er ihn her, einen fermentierten Kräutertee, hier „Iwan-Chay“ oder auch „Zarskaya-Chay“ genannt, ich finde ihn wirklich wunderbar. Fünf Kilo ist eine ganze Menge, das sind zwei sehr große Plastiktüten voll mit Pfundpackungen.
Es war für Alexey eine lange Reise bis nach Perm, um mir diesen Tee zu bringen, einen ganzen Tag ist er dafür unterwegs.
Als Bauer mit großem spirituellen und landwirtschaftlichem Wissen, wie viele hier, bezieht er sich auf die Anastasia-Geschichten, das ist etwas wie eine Naturreligion oder -Philosophie, hat er vor Jahren die Großstadt verlassen und einen Landsitz gegründet, lebt in der Abgeschiedenheit mit seiner Frau und zwei Kindern im Ökodorf „Lyubimowa“- Dorf der Liebe etwa, übersetzt. Obwohl wir uns im Sommer nur einmal für einige Stunden gesehen haben, war da sofort eine unglaublich innige Verbundenheit, Liebe da.

Jetzt schaut euch mal an, was die russischen Bauern der neuen Generation, die sind schon in einem neuen Zeitalter angekommen, für Bauten errichten, irgendwo mitten in der Taiga. Tja, da gibt es halt auch keine Bauvorschriften und Regeln.

Freiheit kommt auf verschiedensten Wegen dahergeschlichen.

Wenn er wieder mal Geld hat, wird die Kuppel eingeglast mit 100% UV-durchlässigem Material, dafür ist mein Russisch nicht gut genug, was das genau ist. Auf jeden Fall ist es kein Plexiglas, das habe ich verstanden. Ziemlich groß ist das, vielleicht 12 Meter Durchmesser und sieben hoch.
Es wird ein Wohnhaus und  auch für Pfanzen sein, die dann auch noch minus 45° überstehen können, ohne Schaden zu leiden. Er lebt mit seiner Frau und den Kindern, zu viert, von umgerechnet 170.- € im Monat. Das meiste, was gegessen wird, produzieren sie selber. Und unermüdlich gewöhnt er neue Pflanzen an das brutale Klima, wußte sofort den lateinischen Namen der neuen deutschen Kiwisorte Weiki, die bis 30° Grad minus frostfest ist. Bei irgendeiner Gelegenheit werde ich ein paar dieser Pflanzen mitbringen und ihm überlassen. Der Mann hat grüne Daumen.
Ein Geschichte ist bemerkenswert und gleichzeitig ausgesprochen besorgniserregend: Er erzählte, daß die meisten seiner Bienenvölker, er lebt unter anderem vom Honigverkauf, im letzten Jahr einfach so ihre Stöcke verlassen haben und Selbstmord begingen. So was sei ganz neu, für ihn finanziell schlimm und für die Umwelt, die Natur dort an sich, katastophal. Er könne sich auch keinerlei Reim darauf machen, weshalb die Bienen das täten. Ich dachte an Deutschland und Glyphosat und so weiter: Wenn die Bienen die “Schnauze voll” haben von den Menschen und deren dümmstem Treiben, die Bienenheit der Menschheit den Rücken kehrt, dann auweh…..

Busfahrt Nummer soundso- der Busfahrer hält gut 200 Meter vor der regulären Haltestelle, um einer Oma den Weg zurück zu ihrer Strasse zu ersparen und fährt dann erst weiter, vor, um mich einzuladen.

Freitag, 15.12.

Gestern hat es den ganzen Tag stark geschneit. So sehr, daß nach etwa siebzig Minuten meine Spuren vom Einkaufengehen überhaupt nicht mehr sichtbar waren.

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Der Bus, der mich in die Stadt brachte, kam, wie immer, auf die Minute genau. Die freundliche Schaffnerin Veronika begrüßt mich, wie immer mit „guten Tag, Klaus, wie geht es?“ und lächelt. Den Busfahrer kenne ich inzwischen auch, er grüßt freundlich. Und wenn auf der Rückfahrt die Nacht, welche hier um 15:30 beginnt, angebrochen ist, fährt er schon immer etwas langsamer auf meine Haltestelle zu, man kann sie erst in der letzten Sekunde sehen, schaut in seinen Rückspiegel, ob ich aufstehe und hält, ohne daß ich den Halteknopf zu drücken brauche. Das ist deshalb bemerkenswert, weil ich oft auch zur Endhaltestelle fahre, wo der Laden ist, in dem ich Brot und Obst kaufe. Also, das wechselt beständig.

In der Stadt habe ich mich mit einer hübschen, wunderbaren Frau verabredet, die an der Universität arbeitet und supergut Deutsch spricht. Zentrales Thema, es ging um den Russenhass, der in Deutschland fast schon zum guten Ton gehört und die Gefahren, die eine davon abweichende Meinung für Karriere oder Geschäftsbeziehungen mit sich bringt. Wir haben eine gute Stunde Zeit im Cafe verbracht, bis mein, von Boris, meinem Freund, organisierter Termin mit der Kulturministerin endlich stattfindet. Ich war etwa so aufgeregt wie damals in der Schule, wenn die letzte Schularbeit in Latein oder Mathe nach der Korrektur durch den Lehrer ausgeteilt wird und die Note mal wieder über sitzenbleiben oder weiterversetzt werden entscheidet. Ich hatte für diesen wichtigen Moment eine Dolmetscherin engagiert, auf daß die Ebene der Kommunikation bestmöglich bestellt sei.

Die Kulturministerin ist eine warmherzige und liebevoll wirkende Frau, mit gütigen Augen, attraktiv und frei von administrativen Attitüden wie Hektik, Ungeduld, Stress, beamtoid ungnädigem Herrscherdünkel.

Und der Wahnsinn, sie kommt nicht alleine. Da sie schon weiß, was ich will, hat sie eine Frau dabei, die sich in den Amts- und Entscheidungswegen auskennt, wie man was organisieren muss, damit ich möglichst einfach und ohne viel behördlichem Aufwand an die Aufenthaltsgenehmigung komme. Und dann hat sie auch noch den Vorsitzenden der Neue-Musik Organisation dazugerufen. Wir saßen anderthalb Stunden zusammen, bei Tee und Keksen, und diese Menschen haben sich enorm viele Gedanken gemacht, Ideen entwickelt, verworfen, neue Ansätze. 

Sehr hilfreich auch meine Dolmetscherin, eine coole Frau. Das war wahrhaft unglaublich anrührend, mit welcher Empathie und wie freundlich über meinen Fall beraten wurde. Ich hatte mehrfach länger Augenkontakt mit Igor Makushov, dem Vorsitzenden der Neuen Musik. Das war sehr schön. Was für ein freundlicher Typ. Als diese Sitzung fertig war, hätte ich fast geheult über so viel liebevolle Behandlung eines Fremden, der ich ja bin, noch dazu aus Deutschland. Und mit dem Igor, den ich auch nie zuvor gesehen, habe ich mich lange umarmt. Die Früchte dieses Treffens werde ich ausbreiten, wenn sie definiert und beschlossen sind.

Danach musste ich mit dem Taxi zurück in mein Dorf, denn der letzte Bus war schon lange abgefahren. Das kostete für etwa 40 Kilometer knapp 9.- €.

Heute kam, durch diesen Igor organisiert, schon eine Kontaktanfrage der Direktorin des Musik-College. Morgen nachmittag werden wir uns treffen.

Sonntag, 17.12.

Das Treffen mit der Frau Direktorin des Musik College war total erfreulich. Eine junge, energiegeladene Frau, die man an einer solchen Position nicht vermuten würde.

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Voll schöner Ideen und Pläne, sie hat erst vor fünf Monaten diese Position eingenommen. Es gibt in Perm kaum Ausbildungsmöglichkeiten für Bläser, für Blechbläser sieht es noch düsterer aus als für Holz.

Na gut, ausser im Badenserländle habe ich einen guten Namen als Bläserspezialist und hier im Ural das Gefühl, daß ich mit Pionierarbeit an der richtigen Stelle bin. Anstatt der geplanten halben Stunde haben wir zweieinhalb miteinander verbracht und über viele interessante Dinge geredet. Also, das Bildungsniveau hier in Russland ist enorm hoch, was diese Frau alles weiß, gelesen und gesehen hat, das ist in hohem Masse respektabel. Italienisch hat sie gelernt, weil Italien in der Renaissance so grossartige Kulturleistungen für ganz Europa geschaffen hat. Ich habe mir auch das College angeschaut. Von der Struktur und dem Niveau dürfte es etwa zwischen einer Musikschule und einem Konservatorium in Deutschland angesiedelt sein. Knapp dreihundert Schüler/Studenten lernen hier für ein Berufsmusikerleben. Gute Pianisten habe ich gehört. Doch es gibt nicht einen Posaunisten, Hornisten oder Tubisten. Um Menschen anzulocken werde ich Phantasie brauchen. Das finde ich wunderbar.

Was für ein schönes Geräusch, wenn der Schnee unter den Füßen bei jedem Schritt knirscht, quietscht, knarrt…….
Etwas gruselig war ein Abend-/ Nachtausflug, eine Wanderung über den Fluss in der Dunkelheit. Der Fluss unter dem dicken Eis, der lebt. Manchmal gibt es ein Knacken im Eis, igendwas reisst oder wird zusammengedrückt, es ist nicht immer völlig still. Dann gibt es diese Stellen, wo Wasser durch Risse nach oben quillt, sich ausbreitet und dann gefriert. Senken und Dellen sind im Eis, großflächig. In diesen Senken kann dann schon mal Wasser sein, das gut knöcheltief oder noch tiefer ist. Manchmal ist da dann neues und frisches Eis, noch dünn, oben drüber und beim Gehen bricht man ein. Trotz des Wissens, daß darunter noch eine Eisdecke ist, die einen Lastwagen tragen lönnte, löst das ein Gefühl von Anspannung aus, erzeugt Schrecken auslöst, krrracks. 

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Damit man nicht die Orientierung verliert, was bei Sturm und Schneetreiben hilfreich sein dürfte, sind entlang einer Art von Pfad zum anderen Ufer etwa alle zwanzig Meter Äste und Bäumchen in den Grund gesteckt. Das hat ein beruhigendes Gefühl in dieser Nacht vermittelt. Der Wind pfiff scharf und ich kann so erkennen, wo an meiner Kleidung wettertechnisch noch undichte Stellen sind, eine sanfte Übung bei minus 12°, da registriere ich das halt, es dürfte bei deutlich niedrigeren Temperaturen genaudort empfindlich reinziehen.

Mittwoch, 27.12.

Es ist mir nicht gelungen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, bevor mein Visum abgelaufen ist. Also bin ich kurzfristig nach Deutschland zurückgeflogen.

In meinem alten Haus in Baden-Baden möchte ich nicht mehr schlafen, überhaupt ist es mir schwergefallen, hineinzugehen und noch einige Sachen zusammenzupacken. So bin ich nun bei verschiedenen Freunden und Bekannten untergeschlüpft. Das ist eine sehr schöne Erfahrung, dass es gastfreundliche Menschen gibt, die einen auch zu Weihnachten in ihr Haus lassen.

Wirklich sehr gefreut hat mich, daß die „weltweite Didgeridoomeditation“, die am 21.12. zur Wintersonnenwende stattfand, inzwischen auch ohne mich und meine Initiative zu einem Selbstläufer wurde. Ich tauchte kaum fünf Minuten vor dem Beginn in der Spitalkirche in Baden-Baden auf, niemand wusste, daß ich überhaupt in Deutschland bin, und die Kirche war voll mit Menschen und zehn Didgeridoospieler waren dort versammelt. Mancher hat sich gefreut, mich so überraschend zu sehen. Die vierzig Minuten Didgeridoospielen vergingen erstaunlich schnell und in der anschließenden zehnminütigen Meditationszeit war die Kirche erfüllt mit einer spürbar schönen Energie, die in einem langen Applaus endete und einem fröhlichen Bravo-Rufen, das man fast schon als einen heiteren Lärm bezeichnen könnte.

Schön, daß ich Freunde habe, die mich aufnehmen. Heute habe ich die Kündigung meines Hauses in Baden-Baden als Einschreiben abgeschickt, eine enorme Zäsur in meinem Leben.

Wie froh wäre ich nun, wenn ich wüsste, wie das mit meinem Russland-Leben weitergeht. Ich bekomme keine Nachrichten, hänge irgendwie völlig in der Luft. Schaue alle Stunde im Internet nach, ob mir irgendwer irgendwas dazu mitgeteilt hat und übe Geduld. Es fällt mir schwer.

Was ich weiß: Es ist schöner, bei minus 10 Grad draussen im Schnee rumzulaufen als bei 2 Grad plus im grauen Nieselregen. Die zwei Stunden mehr Tageslicht in Deutschland machen nicht sooooo viel aus, der Himmel hier ist dunkelgrau und trübe.

Donnerstag, 04.01.

Ich bin nun schon zwei Wochen in Deutschland. Meine alte Heimat, mein Haus in Baden-Baden, da bin ich nur ganz kurz rein, um ein paar Dinge mitzunehmen, die dann nach Perm mitkommen. Schmerzhaft, das Betreten, die Verwandlung der ursprünglichen Energie, der Aura dieses wunderbaren Platzes, festzustellen. Doch sind da nette Menschen drin, die das jetzt betreiben… in meinen Garten, in dem ich die schönsten Zeiten verbracht habe, in großer Stille und Respekt und Hingabe, da bin ich gar nicht hin, dem habe ich nur von Ferne Liebesgrüße geschickt.

Und gleichzeitig, wie schön das gerade ist, ich bin nun im Haus eines wunderbarsten Freundes gelandet, Jaan, Weltklasseklarinettist, und seiner Frau Gisela und seinem Sohn, die mich soooo freundlich aufgenommen haben – wie Boris im Ural. Kein Gedanke an das deutsche Sprichwort, dass Gäste und Fische nach drei Tagen übel zu riechen beginnen, dann die Zeit zum Weiterziehen gekommen sei. Ich bin hier nun schon seit Weihnachten….. auch zuvor, bei verschiedenen Freunden oder Bekannten, das waren alles wirklich sehr schöne Erfahrungen von Gastfreundschaft und liebevoller Aufnahme, die Welt der Menschen, die noch Menschen sind, die ist sicher nicht verloren.

Trotz dieser wunderbaren Erfahrungen steigt meine Sehnsucht nach dem Ural stark an, ich möchte wieder Wurzeln haben, ich fühle mich vollkommen entwurzelt und weiß dennoch, wo meine neue Erde ist. Diese Geduldsübung ist nur für meinen Denkkopf, denn- wer hat schon so viel Glück wie ich? Solche Menschen kennen zu dürfen. Einfacher ist die Übung der Dankbarkeit für mich.

Warten auf die Einladung für das neue Visum… warten warten

Auswüchse auf dem Eis

Freitag 23.02. 2018

Oft kam in Deutschland die Frage: „Was ist denn, wenn Du dort krank wirst? Hast Du keine Angst vor einem qualvollen, einsamen Ende, irgendwo in der Taiga?“
Dazu eine kurze Geschichte als Antwort.
Am 20. April 2012 bereitete ich ein mehrgängiges Essen für einen lieben Gast und dessen Frau. Die jungen, zarten Primelblätter, welche dabei Verwendung fanden, waren allerdings vom Fingerhut. Nach einer furchtbaren Nacht mit Erbrechen und schmerzhaftesten Krämpfen befahl der Notarzt eine sofortige Einweisung in das Baden-Badener Krankenhaus. Der Krankenwagen jedoch kam nicht. Als ich zwei(!) Stunden später im Krankenhaus anrief und sagte, ich würde spüren, daß ich demnächst sterben werde, man möge mich doch bitteschön holen, wurde geantwortet, es wäre halt viel zu tun, doch dann kam der Krankenwagen, mir wurde ganz schnell eine Sauerstoffmaske übergestülpt und ein Herzkatheter gesetzt, fünf Tage Intensivstation… Ich sagte den sechs bis sieben Krankenschwestern und Ärzten um mich herum sofort bei meiner Einlieferung, dass ich noch zwei weitere Menschen mitvergiftet hätte, nannte die Namen von meinen Gästen dieses tödlichen Mahles. Eine Krankenschwester sah wohl im Telephonbuch nach, fand die Adresse und fragte mich noch, ob das richtig sei. Ich bejahte das. Danach hat allerdings keiner irgendetwas unternommen. Wenn nicht Freunde vom Professor und dessen Frau aufgrund einer schlimmen Ahnung zu deren Haus gefahren wären, diese bereits am Boden liegend vorfanden, wäre ich am Tode der beiden schuld gewesen und von dem Personal des Baden-Badener Krankenhauses hätte sich garantiert keiner mehr an meinen dringlichen Hinweis erinnert…… Ich denke also, wenn der liebe Gott will, daß das Lebenslicht ausgeblasen sein sollte, so wird es das, egal, wo und wie……
Die Zeit in Deutschland war besonders. Ohne Heimat, ohne Wurzeln. Schwer war es für mich mit meinen weinerlich-christlich-evangelischen Wurzeln, widerstandsfrei so viel Liebe und Freundlichkeit entgegenzunehmen wie es mir geschah. Allein diese Erfahrung ist ein ganzes Leben wert. Selbst in einem von meinem Freund Jaan in Frankfurt uraufgeführten Musikstück durfte ich Refexionen erkennen, welche mit mir zu tun haben.
Daß überhaupt Zeit verstrich in dieser Zeit, konnte ich nur erahnen, weil Jaan jeden Freitagabend zum Fussballspielen ging, das war gefühlt alle paar Stunden. Wie ein Krümel in einer Falte der Tischdecke verborgen übersah mich der Zeitfluss.
Nach zwei Monaten bin ich seit drei Tagen wieder im Ural. Fünf Kilo zugenommen. Es ist knackig kalt draussen, etwa minus 20° und ich lief heute etwa vier Stunden auf dem Eis zur Tschussowaja, welche hier in den riesigen Fluss Kama mündet. Enormer Muskelkater ist die Quittung dafür, wieder Schuhe zu tragen. Gestern besuchte ich „meine Quelle“ am gegenüberliegenden Ufer, wollte sie begrüßen und Wasser mitnehmen. Mitgenommen hat mich ein mir unbekannter Herr auf seinem Motorschlitten. Ein wahre Höllenfahrt, bei der ich feststellen musste, dass das Eis noch sehr viel unebener ist als man es beim Gehen vermutet. Ich hätte doch die Handschuhe schnell noch anziehen sollen. So musste ich mich mit beiden Händen an einer Art von Reling festklammern, während die Finger bei den eisigen Temperaturen im Fahrtwind binnen Sekunden steif waren, um nicht in hohem Bogen von diesem Gefährt geschleudert zu werden.
Wie sehr sich der Nachbarsjunge und seine Mutter freuten, daß ich zurück bin, das rührte mich sehr. Auch der riesige Hund, ein Gewinsel und Gejaule, man könnte fast sagen, daß er sich vor Freude eingepisst hat, der Schnee verdeckt eben doch nicht alles…….

Montag, 26.02. 2018

Perm heißt übrigens nicht so, weil es dort Permafrost gäbe. Den gibt es hier nicht, sondern nach einem Erdzeitalter, welches vor ca 220 Millionen Jahren stattfand, wurde dieses Land hier benannt. Das ist mit dem deutschen Jura vergleichbar. Damals war hier ein großes Meer. Dieses hinterließ Kalksteinschichten, pro Meter Dicke brauchte es eine Million Jahre Wachstumszeit und auch riesige Salzvorkommen hinterließ diese Zeit, ich habe vernommen, daß 80% des weltweiten Salzvorrates hier lagern. Ob das stimmt, habe ich allerdings nicht verifiziert.
Der Abbau und Handel mit Salz war ein wichtiger Erwerbszweig der letzten Jahrhunderte und man spricht hier von den Permer Salzohren, durch das Tragen der Salzsäcke rotgeschwollenen entzündeten Hörorganen. Deshalb gibt es hier diese Bronzeskulptur.

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Auch in Bayern gewinnt man Salz. Und von dort kommt ja auch der bekannte Spruch: „Sie können mich mal am Ohr schlecken“

Das hat leider freilich immer wieder zu Mißverständnissen, sogar Strafanzeigen, Fehden und ähnlichem geführt. Die Bayern gelten deshalb sogar als grob oder derb..Manchmal muß man halt fast 4.000 Kilometer weit reisen, um die einfachsten Dinge zu klären, relativieren…


Als ich erleichtert am ziemlich schön gestalteten neuen Flughafen in Perm ausstieg und schon im Bus zum Gebäude war, da gab es ein Geschrei aus dem Flugzeug heraus, woraufhin die fahrbare Treppe wieder zurückkam, sie war gerade erst losgefahren, und sich wieder an die Flugzeugtüre stellte. Der Steward rannte die Treppe runter, zum Bus und auf mich zu, gab mir meine heilige Maultrommel, die mir offensichtlich aus dem Gepäck gefallen war. Das wäre ein großer Verlust gewesen und ich empfinde dies als bemerkenswerte Geschichte. 

Ebenso bemerkenswert fand ich, daß mir die Schaffnerin im Bus, nicht „meine Veronika“, sondern eine andere, am Abend direkt auf mich zukam und mir ein Zehnrubelstück gab. Dieses war mir bei der Fahrt nach Perm morgens beim Bezahlen runtergefallen und weggekullert, ich konnte es nicht finden. Beim Buswischen, was die Schaffnerinnen in Perm immer tun, hatte sie es gefunden. Sie sah nun auch eine Euromünze in meiner Hand, sicher das erste Mal, eine Münze aus Gold und Silber, beides gleichzeitig, war interessiert und wollte sie gerne anschauen. Ich habe sie ihr geschenkt und sie lief damit gleich zum Busfahrer und hat ihm diese stolz und glücklich gezeigt.
Ich war heute wieder in der Stadt. Traf dort den Helden, welcher die Altbatterien einsammelt. Etwas ernüchtert musste ich hören, daß im Theater nun immer noch kein Container steht. Alle haben soviel um die Ohren im täglichen Theaterbetrieb, daß sich keiner drum kümmert oder geantwortet hat. Ich werde es nochmals versuchen. Weiterhin werde ich versuchen, eine Idee umzusetzen. Nämlich in einer Art von Tombola oder Lotterie als Gewinn einen Aufenthalt in meiner Baden-Badener Wohnung, die ich sowieso bei Airbnb reingestellt habe, für etwa zehn Tage zu spendieren. Das habe ich dem Slawa erzählt und er ist sehr angetan. Er wird versuchen, einen Sponsor für den Flug zu finden. Wenn das hinhaut, so können wir vielleicht einiges Geld einsammeln und gleichzeitig eine Aufmerksamkeit auf den Recyclinggedanken lenken. Ein weiterer Termin am Musik College hat mir zur Erkenntnis verholfen, daß hier die Warteschleife für einen Daueraufenthalt eine weitere Zeitspanne von einem Monat einfordert. Das ist mühsam, diese ganze Warterei.

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Gestern, bei knackiger Kälte, bin ich weit auf dem Eis gelaufen, glücklich über die Stille. Nicht mal Flugzeuglärm, wie in Deutschland eigentlich allerorten vernehmbar. Nichts, rein gar nichts. Das Rauschen des eigenen Blutes und das Pochen des Herzens, sonst nichts. Dann war da plätzlich ein tiefes, beunruhigendes Donnern, welches sich ungeheuer schnell, viel schneller als ein ICE, auf mich zubewegte, dann unter mir durchraste, weiter und sich dann verlief, das Eis zitterte, dann wieder Stille. Da hat sich wohl ein sehr langer Riss aufgetan. Ziemlich unheimlich und elementar, dieses Ereignis.

Die Sonne hat spürbar Kraft. Die Kälte hält dagegen.

Die gefühlte Temperatur, der sogenannte Windchillfaktor, den man im Internet errechnen kann, betrug minus 48° bei diesem Gang. Die Musik, mit der ich das hinterlegt habe, ist von meinem Duopartner Matthais Schneider-Hollek und mir gemacht, das war irgendein Film. 

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Freitag, 02.03.2018

Das ist wirklich eine sehr schöne Übung: Ich bin kurzsichtig, minus 6 und 7 Dioptrien. Doch wie schön das ist, hier, frei von der Zahlen- und Ziffernwelt die Brille abzunehmen und durch eine wundervoll weichgezeichnete Schneewelt zu wandern…..
Gestern stieg tagsüber dann das Thermometer auf minus 5° und nach der letzten Zeit mit unter minus 20° und dem scharfen Wind hat man dann schon ein gewisses Gefühl von Milde.
Nach dem Schneesturm vor drei Tagen wollte ich auf einer vermeindlich recht festgetretenen Spur, wo die Schneemobile und die Angler zu ihren Plätzen fahren oder gehen, eine längere Wanderung unternehmen. Allerdings war der neue Weg nicht da, wo er vor dem Schneesturm war, infolgedessen der Schnee doch weich und so brach ich durch und stand mit meinen sohlenlosen Walenki Filzstiefeln im Wasser, welches sich auf der Eisdecke der Tschussowaja befand. Doch so schlimm war das nicht, denn irgendwie hat die äußere gefrorene Schicht immer noch ganz gut isoliert und eine Stunde im Naßkalten, nicht Eiskalten, habe ich ohne weitere Probleme überstanden.

Die Übung, im „Jetzt“ zu leben gestaltet sich manchmal schwierig. Das Warten auf eine Aufenthaltsgenehmigung seit nunmehr über sechs Monaten gehört dazu. Zwar will mich die Direktorin des Musikcollege und der Chef des Komponistenverbandes schon gerne haben, jedoch die Entscheidungsträger sind andere Leute. Und die interessiert das eher nur am Rande, daß ein deutscher Komponist und Musiker in Russland, im Ural leben möchte. Der Duma-Abgeordnete, der freundliche Igor Sapko zum Beispiel, hatte mir zwar versprochen, sich drum zu kümmern, jedoch ist da rein gar nichts passiert. Ich habe mich inzwischen schon mal beim Gedanken wiedergefunden: was wird, wenn das nichts wird?
Dann kommt was anderes, sagt eine andere Stimme in mir. Doch fände ich das schöner, wenn ich auf diese Art von inneren Dialogen verzichten könnte. Ich hoffe, daß mir mein Freund Boris einen weiteren Termin mit der Kulturministerin, die die Entscheidungshoheit besäße, macht.
Heute war ich in der Stadt, besuchte Georgi, den Georgier und zeigte ihm zwei italienische Rezepte in seiner Küche, mit denen ich oft für Freude und Komplimente sorgen konnte. Das war schön. Und ich freue mich, Eingang gefunden zu haben in die Küche eines georgischen Restaurants , “Kukuruza” und mich dort ohne Englisch oder Deutsch soweit artikulieren zu können, daß ich zu einem erfreulichen Resultat an Topf und Herd kommen konnte. Ochin vkusna, sehr köstlich! war das Feedback. Zitronenspaghetti und mit Mozzarella und Rauchkäse überbackene Auberginen, die ich zuvor mit einer hocharomatischen Tomaten-Kapernpampe beschmiert hatte. Hier mußte ich Phantasie entwickeln, denn die Zutaten aus Mitteleuropa bekomme ich teilweise nicht.

Samstag, 10.03.2018

Ich bin nun zurückgekommen aus dem Dorf „Lyubimowa“, zu Deutsch „Dorf der Liebe“, wo ich eigentlich ab Anfang November wohnen wollte. Fünf Tage, in denen die Zeit stillstand und die gleichzeitig vergingen wie drei Minuten, dennoch so angefüllt mit neuen Eindrücken, daß ich diese gestückelt wiedergeben werde, es ist einfach zuviel auf einmal.
Wieder einmal hat mich die großherzige Gastfreundschaft hier in Russland tief berührt. Ich war zu Gast bei dem Aleksej, der den wunderbaren Tee herstellt, von dem ich mittlerweile 10 Kilo nach Deutschlang gebracht habe. Aleksej lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Holzhaus, dem hier typischen Blockhaus. Der einzige Wohnraum ist ziemlich quadratisch und hat etwa jeweils fünf Meter Seitenlänge. In der Mitte ist ein massiver großer Ofen, der bestimmt eine Seitenlänge von 1,3 Metern hat. Der Ofen trennt den eigentlich kleinen Gesamtraum in verschiedene Bereiche. In einer Ecke wird geschlafen, diagonal gegenüber ist ein Tisch und eine Küche, tatsächlich auch eine Waschmaschine. Es ist in diesem Raum ausgesprochen warm, und während draußen Schneestürme toben und minus 25° bis 30° herrschen, robbt innen zu meiner anfänglich großen Überraschung ein fünf Monate altes Baby komplett nackt auf dem bloßen Holzboden herum und strahlt mich an. Tatsächlich hat dieses Baby in der ganzen Zeit niemals etwas angehabt, es sei denn, es ging nach draußen. Lena, die Mutter der beiden Kinder, zeigt mir das Buch einer kanadischen Frau, Ingrid Bauer, welches ins Russische übersetzt ist und sinngemäß den Titel trägt: „windelfrei aufwachsen, die sanfte Weisheit einer natürlichen Kinderhygiene“. „Meine Bibel“ sagt sie und lächelt stolz.
Es liegen nun keine Kackhaufen herum oder alles ist verpisst, gar nicht. Für mich unglaublich, sie hebt das Baby über die Spüle in der „Küche“ und macht leise und stimmlos „Ps-ss-ss-ss-ss..“ und das Baby pinkelt ins Waschbecken. Die Trefferquote ist sehr hoch und kaum habe ich gesehen, dass das Kind irgendwo oder irgendwann anders hingepinkelt hätte. Bei allem, was die Eltern tun, ist das Kindlein dabei, unter den Arm geklemmt. So wissen die Eltern, die ihr Kind anscheinend sehr viel besser kennen als deutsche Eltern im allgemeinen ihre Kinder, wann die Zeit ist, dass irgendwelche Entleerungsgeschäfte anstehen. Mit dem Vierjährigen haben sie es ebenso gemacht. Die Mutter meint, daß Windeln den Kindern ein ernstes Trauma zufügen, weil diese Ursache und Wirkung erkennen, wenn sie in die Windel machen (müssen) und dann in der feuchten Brühe Zeit zu verbringen genötigt sind. Ein interessanter Ansatz.

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Im Winter gibt es hier nicht viel zu tun. Aleksej, der einzige Fleischfresser von Lyubimowa, hat zwei vietnamesische Schweine, die einen lichten und freundlichen Stall bewohnen, aus transparentem Kunststoff -ein Tonnengewölbe wie ein Folientunnel – eine Kuh, zehn Hühner und einen Hahn. Diese Tiere muss er versorgen, dann die verschiedenen Wege von Schnee freischaufeln, zum Saunahäuschen, in dem ich wohnte, zur Quelle, um Wasser zu holen und den verschiedenen Tierbehausungen. Das Holz holt er aus dem nahen Wald, indem er die toten Bäume fällt und in Stücken heimschleppt. Mehr als zwei Stunden Zeitaufwand am Tag sind nicht notwendig. Den Rest der Zeit sitzt die Familie daheim und macht Musik auf archaischen Instrumenten, Maultrommeln, einfachen Saitenzupfinstrumenten, teilweise sind die selber gebaut. Auf jedem Mittelaltermarkt in Deutschland würde man sich über diese Musik freuen, die Harmonien und Melodien kenne ich von dort. Musik von Helmut Lachenmann würde nicht in diese Welt passen. Trotz des harten Klimas ist das Leben hier sehr sanft. Helmut, verzeih mir!

am 08. März, 

dem Weltfrauentag, kam die Mutter von Aleksej vorbei, brachte Obst und Kuchen, filme mich beim Didgeridoospielen, holte dann ihr Akkordeon raus und spielte für uns

Montag, 12.03. 2018

Bei der Anfahrt zum Dorf „Lyubimowa“ muss man den riesigen Fluss Kama überqueren. Im Sommer nimmt man eine Fähre und tuckert zum gegenüberliegenden Ufer. Im Herbst, wenn die Kama gerade zufriert, muss man einen Umweg von -zig Kilometern fahren, eine Brücke benutzen, ebenso im Frühjahr, etwa Ende April bis Mitte Mai, wenn das Eis der Kama wieder schmilzt. Im Winter jedoch, etwa fünf oder sechs Monate lang, gibt es neben der Anliegestelle der Sommerfähre eine Rampe runter, bzw. rauf auf das Eis. 

Dann fährt man vier Kilometer auf dem blanken Eis der Kama zur anderen Seite, allerdings nicht gratis, das kostet nämlich Maut. Und es führen parallel zueinander zwei Pisten rüber, zwei konkurrierende Unternehmen buhlen um die Kundschaft, man darf sich aussuchen, wer einem lieber ist…. Das hat schon etwas besonderes, jesusmäßig über das Wasser….

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Freitag, 16.03. 2018

Obwohl der Himmel düstergrau verhängt mit dicken Wolken, so strahlt der Schnee heute beinahe schon schmerzhaft grell in bläulichem Weiß, ganz erstaunlich!
Ich habe es gelernt hier: das wird ein Hochdruckgebiet anlocken, dann wird es kalt und trocken. Der Blick in die Wettervorhersage bestätigt: am Sonntag sind wieder minus 22° Grad angekündigt. Also hier spannt im Märzen kein Bauer sein Rößlein ein, eher an der Küste die Haut eines Walrößleins zum Trocknen auf……

Die drei Grad minus heute sind fast schon lauwarm zu nennen. Allerdings war nachts wieder sehr starker Wind, fast schon Sturm. Der Gang ins Dorf wird dadurch ausgesprochen anstrengend. Die Schneeverwehungen haben die mühsam von mir und vielleicht noch zwei anderen Leuten getretene Spur ausgelöscht, zugeschüttet. Und wenn man nur 500 Meter weit bei jedem zweiten Schritt bis zur Hüfte oder zum Bauchnabel im Schnee versinkt, dann weiß man, wieder zu Hause angekommen, daß die Schwere in den Beinen einzig vom Brot- und Milchholen herrührt.

Meine Zeit verläuft im Moment ausgesprochen ruhig bis ereignislos. Boris ist in Moskau, nimmt teil an einem großen nationalen Theaterwettbewerb, der „goldenen Maske“ und kommt erst am Wochenende wieder. Ich werde ihn dann bitten, mir bald einen weiteren Termin bei der Kulturministerin zu vermitteln. Hoffentlich passiert irgend etwas. Mittlerweile habe ich einen schönen Film aus Deutschland geschickt bekommen, der irgendwann im Frühjahr in irgendwelchen Programmkinos laufen wird. Thema dieses Filmes bin ich, das Portrait von einem, der nach Russland auswandern will, in das Reich des Bösen, der Orks, Tschaikowskis und Tolstois…….Nun hat der wunderbare Matthias mir eine von einer wunderbaren Freundin gemachte russische Übersetzung als durchlaufende Untertitel auf diesen Film gelegt und ich hoffe, daß ich damit so weit punkten kann, daß mein Status endlich vom Visum zur Aufenthaltsgenehmigung geändert wird.

Ausserdem werde ich einen Workshop oder so etwas am Musik College machen und wieder in die Schule Nr. 8 gehen, wo „deutsche Woche“ ist, und das, obwohl in Deutschland schon wieder von „Ostfront“ gefaselt wird.

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Die Eichhörner haben nun binnen drei Tagen zweimal die Schnur meiner Vogelfutterflasche abgebissen, und dann die am Boden liegende Flasche begonnen auszuräumen. Schlau, die Viecher!! Jetzt ist allerdings Schluss damit. Neue Flasche, neues System mit Stahl.

Nochmals zurück zu „Lyubimowa“: Das ist kein Dorf, wie man es von Deutschland her kennt, mit einem Zentrum, vielleicht sogar einer Dorflinde, Kirche und Wirtshaus, die Häuser nah nebeneinander gebaut und außenherum die Wiesen und Felder. Das ist eher ein größeres Gebiet, in welchem lose verstreut die Menschen ihre Häuser oder sonstwie gearteten Wohnstätten errichten. So sind die Wege zu den Nachbarn manchmal zwei bis drei Kilometer lang. Ich bin auch an nur im Sommer bewohnten Tipis vorbei gekommen. Dann, nach einem erschöpfenden Gang einen Kilometer weit durch hüfttiefen Schnee, zeigte mir Aleksej bei seinem Nachbarn eine bereits fertig errichtete Kuppel, wie er auch gerade eine baut. Das wirkt sehr futuristisch, in der Einöde auf so eine große Kuppel zu treffen, gleichzeitig ist es auch total schön anzusehen. 

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Diese Kuppel ist aus lauter gleichseitigen Holzdreiecken zusammengestzt, da braucht man keine Spezialisten oder Vorkenntnisse, um die herzustellen. Was für ein schönes Raumgefühl! Ich war schon in der Mongolei von den Jurten so begeistert. Und wo keine Ecken sind, kann man auch keine frechen Kinder abstellen, ich stand, zusammengerechnet, als Kind bestimmt monatelang in Ecken. Es sammelt sich da nichts an.

Der weitaus größte Teil der Nahrung wird selber produziert. Man kennt den Holzer Sepp, einen schweizer Bio-Anbau-Guru, richtet sich nach dem Pflanzkalender der Maria Thun, praktiziert Rudolf Steiner´sche Dynamisierungen.

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Den Honig, solange es noch Bienen gab, die haben ja letzten Sommer Kollektivselbstmord bei sämtlichen Erzeugern begangen, holt man nicht aus Bienenkästen mit Rahmen, wie bei uns, sondern aus den hohlen Bäumen, die den Bienen als Wohnung angeboten wurden. Es gibt Rüben, die sind köstlich süß, schmecken besser als manche Aldi Mango, Melone oder Nektarine, die viel zu früh geerntet als hartgrünes Pflanzengewebe verkauft wird. Subtile italienische Küche gibt es hier freilich nicht, nur ist das Essen, ich spüre das, gesünder hier.

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Das Obst, Johannis-, Stachel-, Erd- und Preißelbeeren wird zermatscht, vermischt und im Dörrofen zu dünner folienartiger Konsistenz verarbeitet, schmeckt wunderbar und ist ewig haltbar.

Hier entsteht eine schöne neue Welt, gleichermaßen futuristisch wie schöpfungsbewahrend, um die abgedroschenen Begriffe “nachhaltig” oder “konservativ” zu vermeiden….

Dienstag, 20.03.2018

Also, diese Zweige als Markierung im Eis, das ist eine richtig gute Idee und große Hilfe. Der Wind pfiff sehr scharf die letzten Tage, es war eiskalt, sämtliche Pfade, die schon festgetreten waren, sind wieder einmal verschwunden. Das bedeutet hier ganz einfach, trittst Du zehn Zentimeter zu weit rechts oder links in den Schnee, dann ist der dort vielleicht nicht komprimiert, dann steckst Du zack! bis zur Hüfte im Schnee, zwar weich, jedoch ist es echt schwierig und auch sehr anstrengend, da wieder rauszukommen. Und es sieht alles gleich aus, wenn der Wind die Spuren verweht hat. 

Hier kann man mal Bilder sehen, wie das auf dem Eis des Flusses aussieht, wenn jemand fehl getreten und ins Wasser geraten ist…..

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Trotz etwa minus 11° am Mittag ist die Sonne stark, wenn kein Wind weht, kann man ohne Handschuhe, Mütze und mit offener Jacke gehen. Ein neues, jedoch altbekanntes Geräusch gesellt sich nun hinzu: Das Tropfen von Wasser, im Sonnenlicht schmelzenden Eiszapfen, Schneeladungen von Ästen, Baumwipfeln, 

Sehr erstaunt mich, wie viele Menschen hier gerade eine vorösterliche Fastenzeit zelebrieren. Ganze vierzig Tage lang keinen Alkohol, kein Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, Öl. Ich wollte die Direktorin vom Musik College und den Igor vom Komponistenverband italienisch angehaucht bekochen. Das wird erst nach Ostern realisiert, weil die auch beide fasten.

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Mit meiner usbekischen Nachbarin habe ich nach einem Rezept meiner Mutter Cantuccini gebacken, so ganz ganz schlecht ist mein Russisch nicht mehr, doch, es ist immer noch schlecht, eine sehr schwer zu lernende Sprache.
 Die Cantuccini sind gut geworden, jedoch noch ein weiter Weg bis zur Qualität von denen meiner Mutter.

Freitag, 30.03.2018

Gestern, auf dem Markt in Perm, sah ich zum ersten Male seit letztem November eine Temperaturanzeige mit einem Plus vor der Zahl. Es war zwar nur eine “1”, jedoch ist das immerhin eine Art von Anfang von Frühjahr.

Daß ausgerechnet ich als Sonnen- und Wärmefreak die Kälte und den Schnee hier so gut wegsteckte, das überrascht mich wahrscheinlich selber am meisten. Vor dem dermaßen langen Winter, dem Sonnenmangel und der Dunkelheit hatte ich doch einigen Bammel. Ich habe den ganzen Winter hier überhaupt nicht gefroren, zumindest draußen in Wind und der frischen Luft nicht, immer erst, wenn ich wieder heimkam und die Kleidung naßgeschwitzt war, ich nicht immer gleich darauf reagiert habe, da konnte man schon mal frösteln. 

Nassgeschwitzt ist man da gleich, wenn man dick angezogen durch hohen und sehr hohen Schnee geht, sich vorwärtsbewegt oder voranquält. 

Es waren wieder sehr scharfe Winde in den letzten Tagen und danach ist der Weg zum oder vom Bus oder ins Dorf  manchmal durch Schneeverwehungen kaum noch zu entdecken, das Vorankommen extrem langsam und anstrengend. Und trotz der minus 16° heute früh hat der Winter spürbar verkackt. Hier kommt die Frühlingsahnung ganz anders daher, doch sie ist auch da: Riesige Eiszapfen, viele Meter lang, wachsen von den Dächern, wo die Sonne den Schnee kurz anschmilzt und dann wieder Minusgrade herrschen. Ohne Wind kann man die Jacke offen lassen, zumindest in der Sonne.

Ich hatte gestern die Maultrommel in der Stadt abgeholt, die der Roman aus Lyubimowa für mich angefertigt hat, ein wahnsinnig tieftönendes Instrument, wunderschön und mich sehr beglückend. Inna, seine Frau, hat anläßlich eines Musikwettbewerbes ihren Schützling nach Perm zum Spiel begleitet und mir die mitgebracht.

Roman lebt schon seit fünf Jahren in Lyubimowa und hat inzwischen ein beheiztes Plumsklo, das er vom Haus aus anschaltet und so vorwärmt, weil er gerne auf dem Klo liest. Und er hat mit seinem Hundeschlitten und mir als Fahrgast drauf eine Runde gedreht, was ein schönes Erlebnis für mich war, das ging recht flott voran und die Hunde hatten offensichtlich auch große Freude dran.

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Was bin ich froh, einen solchen Freund wie den Boris Milgram zu haben! 

Er hatte mir einen weiteren Termin bei der Kultusministerin verschafft und wegen dieses Termins war ich heute schon wieder in der Stadt.
Die „Kultur“ hat inzwischen bei der Staatsegierung erfolgreich Fürsprache gehalten, dahingehend, daß ich als Kulturschaffender, als Musiker, trotzdem ich ein Ausländer bin, eine Bereicherung für das Permer Kulturleben, in meinem Falle mit dem Schwerpunkt auf neuer Musik, darstelle und man mir einen Posten im Musik College und als Tutor für ein Festival von neuer Musik anbietet. Der Vorsitzende des Komponistenverbandes hat dazu auch sehr beigetragen. 

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Das heißt, ich habe also auch gleich noch eine verantwortungsvolle Anstellung bekommen. Mir hat es im Ministerium bei diesem Vortrag der Kultusministerin unmittelbar und sofort die Sprache verschlagen und ich war so ergriffen, daß ich fast zu heulen angefangen hätte vor so viel Liebe und Freundlichkeit, die mir dort entgegenschlug. Das war alles schon vorbereitet und der Termin hat keine Viertelstunde gedauert. Wahrlich ein wunderschöner Moment. 

Es gibt nun Formalitäten, ich muss auch nochmal nach Deutschland zurück, wegen dieser Formalitäten, doch ich habe endlich eine Klarheit bekommen, muss nicht fürchten, nach 90 Tagen wieder abreisen zu müssen, wie mein Visum bisher vorschrieb. 

Und am 5. April stelle ich mich der Studentenschaft im College vor, werde Frage und Antwort stehen, mich präsentieren.

Was für ein Unterschied zu Baden-Baden

Samstag, 07.04.2018

Am Donnerstag, vorgestern habe ich mich der Lehrer- und Studentenschaft vorgestellt in diesem schönen College.

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Die mir zur Verfügung stehende Übersetzerin war leider nicht so richtig gut. Einiges blieb deshalb unverstanden, hauptsächlich technische oder praktische Vorgehensweisen, die ich erklären wollte…Das hatte allerdings dann wiederum den Vorteil, daß ich erkennen lassen konnte, dass mein Russisch Fortschritte macht.

Eigentlich habe ich ein wahnsinnig interessantes Leben, gehabt und auch jetzt. Wenn ich mir wie bei dieser Präsentation die vielen unterschiedlichsten Aspekte anschaue, die mit meinem Musikmachen zu tun haben, die ich mit Aufnahmebeispielen belegte: Sinfonische Musik mit Fünfsternehotels auf Tournee, Improvisationskonzerte mit verschiedensten Menschen, intermediale Performances mit Maler und Tänzerin, Studioarbeit, Hörspiel- und Filmmusik, mit Schamanen in Russland und Mongolei, Schlamm und Matsch, mein Duo mit dem Matthias Schneider-Hollek, “durban poison IV”, früher auch mit Karlheinz Essl, die vielen Radiosendungen, da muss ich sehr sehr dankbar sein. Und die Sichtweise auf die Musikwelt wird dadurch erweitert. Mehr, als wenn man ein Leben lang als Musikvollzugsbeamter sein Geld verdient und vielleicht die Freude an der Musik schon verloren hat.

Auf jeden Fall war das ein schöner Nachmittag und ich denke, daß ich das gut hinbekommen habe.

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Nun hat man mir einen Vertrag zugesagt, als Tutor bzw Supervisor, um hier ein Ensemble für neue Musik voranzubringen. Im November ist ein Festival, auf welches ich hinarbeiten werde. Auch zugesagt ist ein Visum, welches mir den Daueraufenthalt gestattet. Allerdings habe ich noch nichts in Händen. Jedoch bin ich inzwischen wieder zuversichtlicher, daß da etwas geschieht.

Der Himmel ist blau, die Tage nun länger als die Nächte. Im Zusehen schmilzt der Schnee. 

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Es gabe einige Tage lang eine Art von größerem Lärm, Rauschen, Donnern. Das waren die Dachlawinen, die enormen Schneelasten, die unteren 50 Zentimeter der meterdicken Ladungen zu kompaktem Eis gepresst, verliessen, je nach Dachneigung mehr oder weniger laut, ihre Positionen und stürzten hinunter. Teils ziemlich gefährliche Zeiten. Tagsüber wird es schön warm und der Matsch ist enorm. Da rutscht man jetzt besser nicht aus und fällt hin.

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Der Frühling beginnt hier ganz anders als in Deutschland. Es geht jetzt rasend schnell, die Schneeschmelze, die ersten blanken Stellen, wo Boden zum Vorschein kommt, alles wirkt wie in einer geometrischen Reihe, exponentialen Steigerung voranschreitend.

Gestern war ein halbes Jahr vergangen, daß ich Baden-Baden verlassen habe. Ich denke manchmal drüber nach, ob ich etwas vermisse.
Ich sehe den Wetterbericht im Internet. Baden-Baden 26° am Wochenende. Hier tagsüber 7° und Nachts minus 3°… Ich sehne mich nicht nach der Wärme, die ich so sehr geliebt habe. Es ist jetzt halt so.
Das schönste an Baden-Baden war die umgebende Natur. Die zahllosen Fahrradtouren zur „Roten Lache“, „Badener Höhe“, die Wanderungen und Spaziergänge und die Fahrten raus ins Rheintal, an meinen Schwimmsee.
Doch richtig vermissen tue ich nichts. Es gab viele wunderschöne Tage, dafür bin ich sehr dankbar. Doch vermissen, irgendwie nicht. 
Ein halbes Jahr nun hat mich das Gehämmer der Glocken der evangelischen Stadtkirche nicht mehr aus dem Schlaf gerissen oder mir sonstwie den Tag versaut mit diesem gottlos-bösartigen Gehämmer, Stahl auf Stahl. Aufzuwachen, ohne die Uhrzeit gehört zu haben, Sonntage ohne diesen dissonanten Lärm, wie schön das ist! Diesem Klang wohnt keine Lobpreisung und keine Gnade inne, diese Glocken repräsentieren Stahlsinn, preußische Tugenden, sie sind gewissermassen ins grotesk vergrößerte Pickelhauben oder Stahlhelme, die unerbittlich hämmernd zu Gehorsam und weiteren Sekundärtugenden antreiben. Angsterzeugend, linearen Zeitablauf diktierend. Da bin ich nun jeden Tag dankbar, davor verschont zu sein.
Und menschlich, ich habe in Baden-Baden einige wirklich wunderbare Menschen gekannt oder kenne sie noch. Allerdings würden diese in einen einzigen Bus passen, alle zusammen. Naja, vielleicht zwei Busse…
Wenn ich den Bassposaunisten des Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks alle paar Jahre mal in München traf, kam von dem immer dieselbe Frage: „ Servus Klausi, wohnst eiz Du imma no bei dene Oarschlecha?“
Soviel bösartigen intriganten Tratsch, Verleumdungen und Rufschädigungen, wie in Baden-Baden, das dürfte weltweit einzigartig sein. Vielleicht machen die Glocken die Leute kaputt, vielleicht macht auch die Angst, etwas zu verlieren, die Leute dort kaputt oder die Angst, etwas nicht zu bekommen, was ein anderer hat. Auf jeden Fall bewundere ich mich dafür, dort über dreissig Jahre, in der dort vorherrschenden Energie gelebt und nicht daran zerbrochen zu sein.

Ostersonntag, 08.April

manchmal glaube ich, ich müsste mich zwicken – um festzustellen, daß ich wach und „hier“ bin und nicht in einem Traum. Es kommt mir in Perm alles so vor wie vor 32 oder 33 Jahren in Turin. Mein Anfang im Piemont. Einerseits sind russisch und italienisch als Sprache gar nicht so weit voneinander entfernt, empfinde ich so. Wie auch die freundliche Art den Kindern gegenüber, ohne Keifen oder Maßregeln. Dann die extrem stinkenden Busse, Lastwägen, schwarze, schmierige Rauchfahnen hinter sich herziehend, die teilweise zerfallenden, teils supermodernen Industriegelände und -brachen mit dem wild entsorgten Müll, dazwischen grosse Flächen mit kollabierenden teils angebrannten Holzhäusern aus lange vergangenen Zeiten, eigentlich sehr schade drum….die komplette Abwesenheit eines Bewusstseins für Umwelt, Natur, Müllvermeidung, qualmenden Mülltonnen und -halden, hier jetzt aller deutschen Tugenden größte Schrecknisse aufgereiht..

Das ist alles wie schon erlebt, klasse, dieses Gefühl, irgendwie jedoch auch unheimlich. Selbst die Bäume in der Stadt, am Strassenrand, werden in derselben, drastisch-ignoranten Art gestutzt, in Perm wie in Turin. Ich habe tatsächlich schon in Wikipedia nachgesucht, ob da eine Städteparnterschaft existieren würde, jedoch ist nicht.

Nirgendwo sonst verwittert die Farbe der Häuser so melancholisch poetisch.

Meine meisterliche deutsche Be-Lehrmeisterschaft, die würde jetzt aaaaber….

dann denke ich mir: in Deutschland ist das zwar alles geregelt, auch mit dem Müll, doch soll ich die arme Frau an der Kasse jetzt damit quälen, daß ich ihr alles Plastik, in das mein Erworbenes verpackt war, hier liegen lasse?

Den Lehrmeister raushängen, so, lächelnd evangelisch irgendwie?

Hier fühle ich mich tatsächlich als Deutscher, als gerne gesehener Gast, da lasse ich das bleiben. Das Deutschland entgegengebrachte, das sehr freundliche Interesse der Russen am Leben in Deutschland, wie beschämend, so schäbig wird dort damit umgegangen. Wenn ich mitbekomme, wie die Medien so vergiftend auf die Menschen einwirken, ich nun schon bemerke, selbst in meinem näheren Umfeld, dass diese mediale Giftdusche die Stimmung negativ färbt.

In Deutschland habe ich mich als Teil eines Ganzen gefühlt, der mich umgebenden Menschheit. Die mich umgebende Menschheit hat mich hingegen oft als Fremdkörper empfunden. Hier wie auch damals in Turin, bin ich „Einer, der aus der Fremde kommt und Freund wird“ mit einem Exotenstatus.

Ich versuche, dem freundlichen Deutschlandbild der Menschen hier zu entsprechen. Dabei verbiege ich mich nicht. Es macht mir Freude, zum Freund werden zu dürfen.

Sonntag, 15.04.2018

Schon seit zwei Wochen nun schmilzt die wirklich enorme Masse von Schnee dahin. Es sind immer noch enorme Mengen da, jedoch sieht man bereits, daß ein Ende kommen wird. Es tritt dadurch der allgemein ausgebrachte, bislang taktvoll durch den bislang beinahe täglichen neuen Schneefall bedeckte Zivilisationsdreck zutage, den hier fast jeder, egal was es ist, wo es ist, einfach hinschmeisst. Die Summe eines halben Jahres. Nach sechs Monaten Schnee und Dauerfrost. Dazu kommt die bislang wohlkonservierte, im Verborgenen frischgehaltene Hundescheisse. Wenn jeder Hund am Tage zweimal scheisst und das konserviert ist, dann der Schnee auf einmal so schnell auftaut, dann ist das so, als wären hier plötzlich etwa 180 Mal so viele Hunde als es tatsächlich sind. Auf dem Weg ins Dorf gehe ich an bestimmt dreissig Hunden vorbei, dann gibt es noch acht bis zehn streunende, wilde Hunde, die zu niemanden gehören. Siebzig Tageshaufen mal 180……..auf einer Strecke von zwei Kilometern….Das wird sich einpendeln.
Der Fluss ist immer noch mit Eis bedeckt, der Pegel seit letzten Herbst um mindestens vier Meter gesunken, mein Bootssteg ist im Moment weit weg vom „Wasser“. Das Eis dürfte, soweit ich an den Rissen und Platten sehen kann, locker einen halben Meter dick sein. Die Eisangler werden jedoch jetzt deutlich weniger, auf dem Eis ist eine Schicht von Wasser. Es glitzert wunderschön und verrückterweise sehe ich dann im Vordergrund, nahe bei mir, zwischen den Sträuchern die ersten ebenfalls glitzernden Spinnenfäden.

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Ich habe mal, mit einem verstorbenen Freund zusammen, vor sieben Jahren anlässlich einer Vollmond-Nachtwanderung im Schwarzwald etwas LSD, einen halben Trip, zu mir genommen. Von diesem Ereignis blieb bei mir dauerhaft zurück, daß ich an der Rinde von den Bäumen ein schwaches Leuchten sehe, selbst bei Sonnenschein, im Dunkeln jedoch etwas mehr. Seitdem leuchten bei mir die Bäume.

Daran musste ich heute denken, als ich ins Dorf ging. Denn die Knopsen der Sträucher haben heute trotz strahlender Sonne ganz deutlich Licht ausgesandt, man sieht ansonsten noch gar nicht, dass da irgendetwas geschehen wird, etwa wie Anfang Januar in Deutschland. Doch das Leuchten, wer es denn sieht, das ist da.

Ich habe gestern vom Vorsitzenden des Komponistenverbandes die Nachricht bekommen, daß ich nun etwa zwei Monate warten muss. Man besorgt mir in der Zwischenzeit ein Arbeitsvisum, mit dem ich dann von Ende Juni etwa bis Ende November durchgehend in Perm bleiben und arbeiten kann. Die Arbeit ist, daß ich mich um ein Festival mit neuer Musik kümmere. Der Arbeitsplatz das College.

Das heißt für mich nun im Klartext, daß ich demnächst wieder nach Deutschland zurück muss, da meine 90 erlaubten Tage bald verbraucht sind, die ich innerhalb von zusammenhängenden 180 Tagen in Russland bleiben kann.

Das ist schon ziemlich frustrierend, daß da so wenig vorangeht.

Doch saß ich heute den ganzen Tag in der Sonne, bei strahlend blauem Himmel und habe mich bescheinen lassen uhd meinen Geist spazieren geschickt.
Ich habe überhaupt keine Lust, nach Deutschland zu fahren, denn nun hätte ich mir hier echt einen Frühling verdient, während in D schon fast Sommer ist, wie das Internet und die Blütenphotos mir zeigen. 

Da ich allerdings ja überhaupt keine Aufträge oder Aufgaben habe, mit denen ich gutbürgerlich meine Lebenszeit zerraspeln und vertun kann, hat mich die Idee, diese Deutschlandzeit überwiegend wandernd zu verbringen, schon wieder getröstet. Was für ein Luxus: kaum Geld, alle Zeit……

Vor zwölf Jahren, ebenfalls ein „Jahr des Hundes“, wie jetzt auch im chinesischen Horoskop, bin ich mit der damaligen Freundin von Santander in Spanien nach Santiago di Compostela gewandert. 550 Kilometer, auf einem Seitenzweig-Jakobsweg, den „Camino primitivo“, der kaum bekannt ist. Mit digitalem Aufnahmegerät dabei. Daraus entstand ein Hörstück, welches mir leider kein Sender, ich hatte es allerdings auch niemanden anzudrehen versucht, abnahm..

(Mit Fernsehen könnte man seine Zeit noch blöder vertun als das zu hören)

Ausserdem werde ich wohl hier in Russland heiraten müssen, um diese Formularscheisse und den Visazirkus auszumanövrieren. Diese Gedanken sind heute durch mich durchgezogen.

Ich frage mich manchmal, ob und wie das entspannte Lebensgefühl hier zusammenhängt mit einer resignierten Einsicht, daß „sich eh nichts ändern wird“. Doch dann treffe ich wieder Menschen, die viel Energie und Enthusiasmus in Ideen oder Projekte stecken, und die trotzdem ebenfalls so relaxte Typen sind. Hier etwas zu bewegen, zum Beispiel in Richtung Ökologie, Plastikvermeidung und so weiter, das scheint sehr schwierig. Oder ein Visum.
Während in Deutschland zänkische Nachbarn gegenseitig den Inhalt der Recyclingtonne kontrollieren, aufpassen, daß alles nach Recht und Gesetz abläuft, treffen sich hier die gleichgültig-freundlichen Nachbarn mit ihren Abfallsäcken im nahegelegenen Wald, wo sie sich kurz und knapp, wenn überhaupt und ohne dabei zu lächeln, grüßen und diesen Dreck dann hinschmeißen.
„Ist das häßlich!“ entfuhr es mir einst bei der Anfahrt und einem entsetzten Blick dabei auf Ulaan-Bataar, Hauptstadt der Mongolei. „doch lauter nette Leute wohnen hier“ war die freundliche Antwort einer hübschen mongolischen Violinistin. Und sie hatte recht. 
Ich habe genug in Märklinmodelleisenbahnfachwerkhäuschenidyllestädchen in Deutschland erlebt, wo kein Krümel, kein Löwenzahn oder sonstiges Unkraut das Kopfsteinpflaster verunziert und der zertretene Käfer in der Biotonne entsorgt wird. Rechberghausen zum Beispiel. Oder, wie erwähnt, Baden-Baden. Keine richtig gute Energie.
Und hier nun kriege ich so deutsche Gefühle. Möchte einen Sägebock bauen, damit das Brennholz von Jusuf, dem Ehemann meiner Nachbarin Adina, nicht mehr so usbekisch-krumm abgesägt wird, sondern möglichst deutsch, gerade halt und eventuell auch halberwege gleichlang, die Stücke. Da gab es schon manches fettgefüllte Näpfchen für mich zum Reinsteigen: Den Schuppen unter dem Haus hier wollte ich aufräumen, so viel Halbkaputtes, Kaputtes und Unrat, den seit zehn Jahren niemand mehr in der Hand hatte. Kaum erwähne ich meinem wunderbarsten Gastgeber, dem Boris gegenüber dieses Vorhaben, meine Idee, so ordnet er an, daß die Nachbarin Adina das machen soll. Wie peinlich mir das war, daß sie nun diesen Saustall ausgeräumt hat. Dann allerdings auch wieder auf „usbekisch“ ausgeräumt, sodaß ich doch heimlich noch zwei Tage drangehängt habe, um das dann „richtig“, also deutsch zu machen. Ich lerne, daß ich gar nichts sagen soll sondern einfach machen oder seinlassen. Vielleicht fängt hier bereits der Charme von der russischen Provinz bei mir zu wirken an….
Schön ist, daß in Perm die schneefreien Flächen jetzt saubergemacht werden, Unmengen voll Abfallsäcken stehen herum, die dann alle irgendwo entsorgt werden im weiten Land.

Sonntag, 22.04.2018

Heute hat der Frühling auf seinem Vormarsch ein Päuschen eingelegt, draußen ist ein kleiner Schneesturm und alles wieder weiß. Doch diese neue Schneeschicht wird nicht lange halten, das ist ja gar nichts im Vergleich zu den Unmengen, die hier lagen. Allerdings ist nun auch ein Stubenhockertag, während in Deutschland 30° herrschen.

Das Wetter hier spielt eine deutlich größere Rolle im Lebensablauf als ich es von Deutschland gewohnt bin.

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Gestern dachte ich mir beim Einkaufsgang, daß ich früh genug los muss, dann ist nämlich der Boden noch gefroren. Wenn die obere Schlammschicht angetaut ist, wird es wieder unglaublich glitschig, so etwas von rutschig-glitschig, allerfeinster Schlamm, bestimmt sehr fruchtbarer Lößboden, habe ich in Deutschland niemals erlebt.

Und während in der prallen Sonne, eingesperrt in ein verschlossenes dunkles Auto, ein Hund auch hier den Hitzetod sterben würde, ist um die Ecke im Schatten das Eis der Pfützen nicht mal angetaut, der Boden steinhart gefroren. Dabei zeigt das Thermometer im Schatten vielleicht 1° plus an.

Obwohl ich jetzt mit meinen Euro noch besser dastehe als letzte Woche, finde ich den neuerlichen Rubel-Kursabsturz um weitere zehn Prozent doch als ziemlich bedrückend. Ich sehe, wie die Preise für bestimmte Lebensmittel in den letzten drei Jahren um vielleicht die Hälfte angestiegen sind. Allerdings hier erzeugte, also heimische Waren, bei weitem nicht so extrem. Das Brot kostet gleich, die Kartoffeln auch. Doch es ist wahrlich bedrückend, das kommt von aussen, das sind Ränkespiele der westlichen Wertewelt.

Die Leute hier sind eh knapp bei Kasse, bescheiden das Leben. Man wird auch das irgendwie hinnehmen und überstehen, doch kann ich auch verstehen, daß man die Lust auf Initiativen aus eigenem Antrieb verlieren kann. Was für freundliche geduldige Menschen, es ist zum Weinen.

Wenn ich eine Uhr hätte und ich müsste mir aussuchen, ob ich diese meine Uhr nach der Zuverlässigkeit eines schnieken deutschen ICE oder dem angegammelten Provinzbus im Ural und dessen Pünktlichkeit stelle, dann wäre ich absolut besser dran mit der Justierung nach dem Bus hier. 
Der Gedanke, in zwei Wochen in Deutschland zu wandern, der erfreut mich.

Samstag, 28.04.2018

Es gab letzte Woche mit dem Vorsitzenden des Komponistenverbandes, dem freundlichen Igor Maschukov und der Leiterin des Novemberfestivals, Marina Kudascheva, ein Treffen. Da ging es einerseits um das procedere, wie ich ein Visum bekomme und andererseits wollten wir auch konkret über meine Aufgaben, Zeitaufwand und auch eine Entlohnung meiner Tätigkeit sprechen. Also der Weg, den der wunderbare Igor beschreitet, um für mich ein Arbeitsvisum zu beschaffen, den könnten nachts bei feuchtfröhlichem Beisammensein die Herren Franz Kafka, Karl Valentin und der brave Soldat Schweijk zusammen ausgeheckt haben. Die Kulturministerin, Galina Koukulina, mit der ich zwei erfreuliche Treffen hatte, die ist nun nicht mehr Kulturministerin, sondern jemand ganz anderes und ich bin nicht in der Lage zu erkennen, ob da jetzt nun noch eine Unterstützung von kulturadministrativer Seite vorhanden ist oder ob der Igor Maschukov diese Pfade zur Erlangung eines Visums für mich höchstselbst konstruieren musste.

Auf jeden Fall steckte da erstmal eine große Energieleistung dahinter und auch viel Zeitaufwand. Das hat mich gefreut und auch berührt, dass sich da jemand so eine Mühe macht.

Ich muss also wieder nach Deutschland zurück, weil mein jetziges Visum das so befiehlt. Dann heißt es wieder: warten. Der erste Abschnitt der Wartezeit wird um den 20. Mai vorbei sein. Dann gibt es ein grünes Licht für das nächste Warten oder ein rotes Licht, dann gibt es keine Gründe mehr, weiterhin innerhalb dieser Projektierung zu warten, dann hat sich das erledigt. Doch, wie er mir versichert hat, sieht das ganz gut aus und wir sollten unverzagt diesem Stichtag entgegensehen. Sollte dann ein grünes Licht aufleuchten, wird ein Arbeitsvisum für mich beantragt, für dessen eventuelle Bewilligung und die nachfolgende Bearbeitung etwa ein Monat Wartezeit zu veranschlagen ist. Wird das alles positiv beschieden und vollbracht, bekomme ich ein Arbeitsvisum bis Ende November, für dessen Erstellung auch wieder mit einem Warten von einigen Wochen zu rechnen sei. 

Danach erklärte mir Igor meinen Aufgabenbereich und den Zeitaufwand hierfür. Es gälte, ein oder das Ensemble für neue Musik, diesen Punkt hatte ich nicht so genau verstanden, auf das Festival im November vorzubereiten. Ich sollte also zweimal in der Woche mit denen proben. Was für Musik, das würde erst noch zu klären sein. Auf meine Frage hin, ob ich denn dazu etwas kompositorisch beitragen könne, wurde mir versichert, daß das selbstverständlich sei. 

Dann kam das Thema: die Entlohnung meiner Tätigkeit. Ich hatte natürlich keine großen Erwartungen, da ich sehe ja, wie hier alles knapp und eher sparsam bis ärmlich vonstatten geht. Andererseits habe ich auch vor einigen Jahren öfters mal in Perm gearbeitet und wurde da sehr gut bezahlt, hatte einen Fahrer, eine Simultan-Dolmetscherin, Vier-Sterne-Hotel und dreihundert Euro am Tag bekommen, und das teilweise über drei bis fünf Wochen am Stück…….

Als der wunderbare Igor nun meinte, er hätte im Budget für mich für diese zwei wöchentlichen Proben ein Monatsgehalt von umgerechnet etwa 50.- € anzubieten, da habe ich doch erstmal mich umgeschaut, ob da irgendwo versteckt Kameras mitschneiden, um mein Gesicht und meine Mimik aufzuzeichnen, allerdings habe ich da nichts entdecken können. 

Dazugelernt in diesem Leben habe ich…. vor einiger Zeit wäre ich an dieser Stelle einfach aufgestanden und hätte ohne ein weiteres Wort die Szene verlassen. Ich habe nun jedoch ganz cool und freundlich gemeint, daß das ja wohl ein Witz sei. Ich würde das vielleicht einfach aus Freude machen, oder für ein anständiges Salär. Dazwischen würde es allerdings nichts geben, das hätte was mit Selbstachtung zu tun und auch mit einem entgegengebrachten Respekt.

Wir sind nun so verblieben, daß ich dieses Projekt machen werde, wenn im Gegenzug meine sinfonische Suite „Tschussowaja“, die in Baden-Baden vor anderthalb Jahren Premiere hatte, innerhalb dieses Festival in einem Sinfoniekonzert die russische Erstaufführung hat. Ohne diese Entlohnung, die mir angedient wurde, das war mein Vorschlag. Allerdings hat man hier auch kein Geld, um die erforderlichen Solisten zu finanzieren, machen würde man das schon sehr gerne…. naja, mal schauen, was da passieren wird. Und das alles für ein Visum bis Ende November.

Ich bin jetzt deprimiert über diese ganzen Begleitumstände und habe nicht erwartet, daß es dermassen schwierig für mich sein wird, meinen Lebensschwerpunkt in den Ural zu verlegen. Ich bin immer noch gerne hier.

Im Sonnenschein sehe ich Eidechsen krabbeln. Es liegt Frühling in der Luft, man hört es an den Vögeln. Und auf dem Weg ins Dorf muss ich immer noch über ein Schneefeld, das im Schatten liegt, wo ich bis zu den Knien einsinke. Allerdings ist dieser Wegabschnitt inzwischen auf die Hälfte geschrumpft.. Auch die Hundekacke löst sich auf. In Perm hat man alle öffentlichen Flächen vom Abfall befreit. Schön ist das.

Freitag, 27.07.2018

Letzte Woche bekam ich einen Anruf von einer Festnetznummer aus Süddeutschland. Ein mir unbekannter Mann stellte sich vor und fragte, ob ich derjenige sei, welcher vor kurzem als Jakobswegwanderer durch Biberach gekommen wäre. Ich bejahte das. Er habe nämlich heute früh in der Schwäbischen Zeitung einen Artikel über mich gelesen und er habe etwas gefunden, was er unbedingt mir zuordnen würde. Es sei eine Maultrommel. Die sei auf dem Wege bei einem Biobauernhof zwischen den Feldern unweit von Biberach gelegen.

Das ist das schöne Ende einer Episode, die sich auf meinem Jakobsweg quer durch Süddeutschland ereignete, quasi von der tschechischen Grenze bis Konstanz in den letzten sechs Wochen durchlebt und durchlaufen habe. Mit einem einachsigen „Pilgerkarren“, auf dem mein Gepäck, Zelt, Schlafsack, Matte etc. an einem Bauchgurt befestigt, hinter mir herrollte. 560 Kilometer. Es war Gluthitze und einige spektakuläre Unwetter, die ich allesamt ohne Ungemach überstand.

Als ich in Biberach ankam, dachte ich mir, wenn ich eine Solarzelle wäre, dann wäre ich jetzt randvoll. So allerdings war ich sehr leer. Durchgeglüht von Märschen auf Wegen mit baumlosen, schattenlosen riesigen Mais-, Raps- und Weizenfeldern auf beiden Seiten…. 

Ein freundlicher Biberacher nahm sich fürsorglich meiner an, ich war total fertig und ich hätte nach der Durchquerung der Stadt wieder einen sausteilen Berg zu besteigen gehabt. Er empfahl mir zum Zelten einen nahegelegenen Natursee, zu dem ich dann mit einem Taxi fuhr. Als ich den Taxifahrer bezahlen wollte, war meine Brieftasche weg. Alles drin. Reisepass, Bank, Führerschein, Geld, einfach alles. Und meine beiden Maultrommeln waren auch weg. Es war nun der Taxifahrer freundlich genug, wir hatten schön geredet bei der Fahrt, er meinte, das Gespräch war ihm diese Fahrt wert. Ich notierte mir seine Telefonnummer. Am nächsten Tag lief ich zurück nach Biberach und traf mich mit dem Taxifahrer. Er bot mir sein Fahrrad an, um die Strecke abzusuchen und während dieser Zeit konnte ich den Karren bei ihm verschliessen. Er war mir klar, dass der Verlust nur während der letzten acht Kilometer vor Biberach geschehen sein konnte und ich fuhr die Wegstrecke ab. So fand ich dann zuerst eine Maultrommel und bald danach meine Brieftasche, welche offen auf einem Weg nahe eines Biobauernhofes mit lasziv heraushängenden Geldscheinen auf einen Finder wartete. Der war ich.

Ich habe dann noch einige Stunden mit dem jungen Mann, dem Taxifahrer verbracht und er gab mir ein Buch mit, welches ich zu meiner eigenen Überraschung mitnahm und dann in drei Tagen quasi verschlang. „In die Wildnis“ von Jon Krakauer. So endete die kurze Verwirrung in reiner Erfreulichkeit und nun, nach diesem Telefonat, auch noch ohne Verlust.

Bei eisigem Schneeregen brach ich in Perm auf, zurück nach Deutschland. 
Das war am 06. Mai. Nichts ist seither geschehen. Also weder kam Neues von Igor noch sonstig ein Anzeichen dafür, daß ich einen Daueraufenthalt in Russland bekommen könnte. Die einzige Möglichkeit ist die Heirat mit Irina, soweit ich das sehe.
Inzwischen bin ich noch weit mehr im „Jetzt“ angekommen. Da ich keine Wohnung und irgendwie auch keine Heimat habe, ist im Moment das gesamte Leben von Neuem erfüllt, es gibt keinen Trott, keine Gewohnheiten, jedenfalls nicht so schnell….
Auf langen Abschnitten durchwandert man auf diesem Pilgerweg landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die von diesen Feldern ausgehende „Energie“ ist das Gegenteil zu derjenigen, die aus alten Wäldern einwirkt. Man geht durch diese Monokulturen, Mais, Weizen etc, der Blick zum Himmel ist frei. Dennoch hält die Seele da quasi die Luft an, muss sie, denn beklemmend legt sich diese Ödnis auf das Gemüt.  Zu dieser gespenstischen Ödnis hinzu kommt eine fast vollkommene Abwesenheit von Insekten, eigentliche allen Tieren in diesen Gegenden. Auf den Teichen keine Wasserläufer, Libellen ganz selten. Grashüpfer, Bienen, Schmetterlinge…. in meiner Kindheit hat es gewimmelt und geflattert….. man sieht dort jetzt kaum etwas. Befallen sind ganze Landstriche, wie vom Gifthauche Mordors erfasst. Landpartie, Landleben, ländlich, das sind Begriffe, die nichts mehr erfassen. „friah, do host aus de ganza Brunna trinke kenna, aba jetz is des alls vaseicht vom Nitrat“ sagt der alte Bauer am Zaun, als ich ihn um das Auffüllen meiner Wasserflasche bitte. Viele Dörfer liegen wie gänzlich tot. Die Rolläden sind unten. Die Gärten bestehen aus Schotteraufschüttungen, auch mit farblich gesetzten Akzenten,  grau, schwarz, hellgrau, in der Mitte ragt der Feng-Shui-Buchsbaum kunstvoll verzwirbelt empor. Pflegeleicht. Der Garten ist das Spiegelbild der Seele seines Besitzers…. Menschenleer sind die Strassen. Es ging mir, gewissermassen im Kopfe laut schreiend, die Erinnerung an das Experiment von John Bumpass Calhoun „universe 25“ herum. In diesem Experiment, wohl in der 60er Jahren, wurden vier Mäusepaare in eine Art von Mäuseparadies gesetzt, mit bester Hygiene, unbegrenztem Zugang zu Wasser und Futter und ohne Fressfeinde. Nach einem ersten exponentiellen Anstieg der Bewohnerzahl des Mäuseparadieses kam es zu einer starken Zunahme von Verhaltensstörungen. Homosexualität, Sterilität und Kannibalismus griffen um sich. Trotz der paradisischen Umstände waren nach erschreckend begrenzter Zeit nur noch vier alte unfruchtbare Weibchen übrig, dann waren alle tot, das Mäuseparadies ausgestorben, mäuseleer.  So hatte ich zwischendrin manchmal die Idee, daß einige uralte Frauen das Strassenbild aufrechterhalten, um zu verbergen, dass da gar keiner mehr lebt. Riesige Traktoren mit heulenden Turbinen brausen durchs tote Dorf. Alles ist sauber und ordentlich, in Reih und Glied. Manchmal kommt dann doch ein dicker SUV angefahren, eine Garage öffnet sich fernbedient, Mutti rollt hinein, das Tor schließt sich. Alle abgekapselt. Diese Eisengitterkästen, die mit Steinen gefüllt die Schotterflächen einrahmen, den Besitz abgrenzen, ein Phänomen, wie Pilze scheinen die aus dem Boden zu schiessen, sind überall zu finden. Es gibt wirklich viele viele Dörfer, in denen sämtliche Häuser und Gärten solcherart gestaltet sind. Der Bäcker hat vor drei Jahren zugemacht, das Wirtshaus letztes Jahr, vielleicht schauen jetzt aus dem ehemaligen Hotel „Landluft“ traurige Somalieraugen auf die giftverseuchten Maisfelder.
In der Bodenseeregion dann die Obstplantagen…… die endlosen Reihen der Bäume stehen auf Streifen von nackter Erde. Alles, was dort wuchs, wurde weggeätzt mit Chemie. Die verdorrten zerknitterten Gras- und Kräuterreste sind teilweise noch zu sehen. Ich kam an einem Stachelbeerbusch am Zaun einer Obstplantage vorbei. Übervoll mit dicken roten Stachelbeeren. Jedoch auf den zweiten Blick war dieser Stachelbeerstrauch auch mit dieser Chemie besprüht, wie der gesamte Streifen am Zaun entlang. Schorfige Verbrennungen, Verätzungen hat das Gift hinterlassen, ekelhaft anzusehen und angewidert warf ich die schon gepflückte Beere weg. Vergiftet.
Also, über den Zustand, in dem das Land sich befindet, könnte man zu weinen anfangen.
Ich hatte teilweise Hunger und konnte nichts zu Essen erwerben. Durst auch, schon bald habe ich meinen Wasservorrat von einem auf 1,7 Liter aufgestockt. Ich lerne bald, daß die Friedhöfe eigentlich immer einen Wasserhahn haben.
Durch Wälder und Naturschutzgebiete wandernd erholt sich die Seele dann wieder. Wunderschöne Wege, in manchen Tälern herrscht tatsächlich Stille.
Mein Pilgerkarren ist, solange die Wege eben verlaufen, klasse. Wenn es jedoch steil wird, wird das sehr anstrengend, entweder zieht es nach hinten oder bergab schiebt der Karren sehr. Ist der Weg nun auch noch geschottert, verlangsamt sich das Vorankommen zu Schneckentempo und schmerzhaft ist es obendrein. Nach etwas über 300 Kilometern habe ich mir in Nördlingen dann Flipflops für die Schotterwege gekauft, das ging mir zu langsam voran.
Dann hatte ich während des Weges mehr als dreihundert Zeckenbisse abbekommen. Eine Freundin erzählte mir vor dem Weg, daß sie las, jede siebente Zecke sei mit FSME hirnhautentzündenden Viren befallen. 
Auf der Wanderung nahm ich mir vor, ein Testament zu machen, für den Fall plötzlicher Erkrankung oder wegen eines nahenden Todes durch diese Bisse, Das habe ich allerdings immer noch nicht gemacht. Einen Gedanken nahm ich über die Strecke mit: Wenn in Deutschland nicht die Bären sofort totgemacht würden, sollte sich einer hierher wagen, dann würde Mutter Natur das Gewicht des oder der Bären nicht als Biomasse in Form von Abermillionen Zecken über das Land verteilen. Eigentlich logisch.
Menschlich berührende Erlebnisse wie das obengeschilderte haben etwas Lichtblick in diese mordorhafte Apokalypse gebracht:
Ein schönes kurzes Gespräch mit einem Ehepaar, das seinen Hund ausführt.
Eine Stunde später kehrt der Ehemann mit einem dicken Benz zurück und bringt mir zwei eiskalte Flaschen Bier, Wasser und eine Flasche sündteuren Barolo. Leider habe ich keinen Korkenzieher und kein Trinkgefäß. Schleppe den Barolo also drei Tage bergauf und bergab mit mir, dann verliere ich die Flasche irgendwo im Wald, sie fällt vom Karren, leider-
Ein freundliches Abendgespräch mit zwei Traktorfahrern, jungen Bauern. Eine kurze Zeit nach deren Aufbruch kommt einer der beiden mit seinem Traktor zurück, dabei hat er zwei eiskalte Flaschen Bier und Wasser. für mich mitgebracht. Später am Abend tobt ein spektakulärer Gewittersturm, Hagel, Bäume brechen ab, Äste fliegen, ich bin sicher in meinem Zelt, schaue diesem Treiben durch einen kleinen Schlitz zu. Als das Unwetter sich legt, kommt ein Traktor gefahren, es ist der andere Bauer, er will schauen, ob ich noch lebe, hat Essen dabei.
Manchmal werde ich gefragt, ob ich Lust habe zu duschen, was eine wirkliche Wohltat nach der Wascherei in Karpfenteichen darstellt. Die freiwillige Feuerwehr von Nehrenstetten bereitet die Einweihung des neuen Gerätehauses für den nächsten Tag, einen Sonntag vor. Ich gehe vorbei. Sofort habe ich eine kühle halbe Bier in der Hand und das Angebot, als erster überhaupt im neuen Feuerwehrhaus zu duschen und hinter dem Haus mein Zelt aufzuschlagen. Das war eines der wenigen belebten Dörfer auf dem Weg.

Sonntag, 12.08.

Hallelujah. Ich bin wieder in Lyubimowa bei den wundervollen Landmenschen, die mich auch im Winter so freundlich aufgenommen haben.

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Die von mir mitgebrachten Kiwipflanzen sind im besten Humus gelandet und Aleksej, der sich sehr über mein Geschenk gefreut hat, wird mit seinem wundervoll grünen Daumen diesen in der Taiga doch eher als Fremdlinge aufwachsenden Gewächsen eine neue und schöne Heimat bieten. Wenn jetzt einer sagt: der Klaus spinnt, die armen Kiwipflanzen, wie sollen die hier den langen Winter überleben mit 40° oder 50° minus? 

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Immerhin habe ich nun zum ersten Mal das von Aleksey bestellte Land im Sommer gesehn. Es war ja alles unter metertiefem Schnee begraben. Erstaunliches darf ich erleben. „Davon werden dann meine Enkel profitieren“, sagt Aleksey, zeigt mir recht stolz die kleinen Bäumchen, die er aus via Internetbestellten Samen gezogen hat. So wachsen hier nun kanadische Zuckerahornbäume, die dann den auch bei uns bekannten und gerühmten Ahornsirup spenden werden. Er hat Weiden gepflanzt, Eichen, Obstbäume und -Sträucher, so viele Johannis-, Stachelbeeren, Aronia, man kann schon erahnen, daß dieses recht junge Projekt, jetzt schon wie ein Paradies sich präsentierend, in fernerer Zukunft die kommenden Bewohner noch weitaus autonomer, noch viel weiter weg vom Zwang des Gelderwerbes in einer beglückenden chemiefreien und supergesunden, mit Liebe, Respekt und Frieden erfüllten Umgebung leben lassen wird.

Kurzer Rückblick auf Juli:

Auf eine Anfrage wegen der ausbleibenden Dokumente hin erklärt mir eine Freundin meiner optionalen zukünftigen Frau, daß diese nun Konkurs mit ihrem Yogazentrum anmelden musste, viele Schulden hat und an einer Heirat nicht mehr interessiert sei. Das war ein weiterer Fehlschlag auf dem Weg zu einem dauerhaften Leben in Russland. Schade, ich hätte gerne Klaus Burger-Romanov in meinem Pass stehen gehabt. Ich habe inzwischen Zweifel, daß es der Willen des Universum ist, daß ich nach Russland kommen kann. Ein weiterer schwerer Schlag auf dem Weg nach Russland war die diesjährige GEMA-Abrechnung, die so entsetzlich gering ausfiel, daß mir finanziell demnächst der Himmel auf den Kopf fallen wird. Selbst das Wissen um die gröbliche Fehlerhaftigkeit dieser Abrechnung und die Hoffnung, mein Geld doch noch zu bekommen, ich hatte eigentlich vor, von diesem Geld in Russlang zu überleben. So wird das nichts. 

Vom lieben Igor Maschukov habe ich bisher vergeblich auf irgendwelche Fortschritte bezüglich Visum etc gewartet. Sämtliche Termine sind verstrichen. Und in der Zwischenzeit hat ein Schlaganfall meinen Halbbruder zu einem Pflegefall gemacht, der braucht nun rund um die Uhr Betreuung. 

In diese Gemengelage hinein bekomme ich Mitte Juli von Igor die Nachricht, daß ich eine Arbeitsgenehmigung bekommen kann. Kostet etwa 200.- €, was für die russischen Verhältnisse viel Geld bedeutet. Ich weiß allerdings nicht, ob diese Arbeitserlaubnis mit einem Visum für Daueraufenthalt kombiniert ist oder ob das zwei verschiedene Aspekte sein werden. Das jedoch werde ich bald sehen. Wie schön, dass es meinen Mäzen gibt, der mich in dieser schwierigen Situation finanziell so unterstützt, daß ich nach Russland fahren kann. Es kommt ein Fernsehteam vom RBB durch Perm gefahren. Sie machen eine Reisedoku mit dem Thema „von Berlin an den Baikalsee in einem antiquierten DDR Wohnmobil“. Der Regisseur dieses Projektes hat mich im DLF über meine Ausreise nach Russland sprechen hören und da wir uns von einigen Filmprojekten her kennen, will er mich nun als Protagonisten in seine Dokumentation einbauen, ein Kapitel des Filmes mir widmen. Das ehrt mich, doch nicht ganz vergessen zu sein und ich werde versuchen, mit meinen kleinen Mitteln ein anderes Bild von Russland zu vermitteln als das in den deutschen Mainstream Medien allerverlogenste, eigentlich schon als Kriegsvorbereitung ansehbar. 

Allerdings habe ich inzwischen auch Bedenken:

Auf meiner Jakobswegwanderung hatte ich, fast schon am Bodensee, eine Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ für ein Portrait über mich, über meinen Weg. Ganzseitig, Wochenendausgabe, also eine eher große Nummer. Als ich dieser Frau dann erzählte, daß ich eigentlich in Russland sein will und auf mein Visum warte, kommt von ihr so ein typischer dummer Spruch mit „Putins Reich“ auf den hin ich erwidere, dass ich mich hier und jetzt als Pilger auf keine politische Diskussion mit ihr einlassen werde. Im dann erscheinenden, nicht sehr freundlichen Portrait in der „Schwäbischen Zeitung“ legt mir die Redakteurin den Satz in den Mund: „Putin und sein Regime seien ja weit weg vom Ural“ Eigentlich habe ich mich sehr geärgert, doch gleichzeitig sieht man ja auch, daß die „andere Seite“ mit Lügen und Verdrehungen arbeitet, es scheint nötig zu sein, wahrscheinlich mit Lügen arbeiten muss. Das wiederum ist beruhigend, das Dunkle wird dem Licht weichen.

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Dienstag, 21.08.

Es hat dem Fernsehteam so gut gefallen in Lyubimova, dass sie fragten, ob sie am nächsten vormittag nochmal kommen könnten, um noch mehr zu filmen. Das wurde dann so vereinbart. Anschliessend fuhr ich mit in die Stadt Perm, wo wir dann mit dem Chefdirigenten der Permer Oper, Valerie Platonov und Igor Maschukov von der Neuen Musik weitere Filmaufnahmen machten. 

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Der Producer des Filmes ist gut zwei Meter groß, der Herr links…….

Die Geschichte wird dann im Film andersherum erzählt. Nämlich so, daß ich didgeridoospielend im Park vor der Oper meine Zeit verbringe, um auf den Termin mit den beiden anderen zu warten, da wir über meine Tschussowaja-Suite sprechen wollen, mein Leben jedoch auf dem Lande stattfindet. 

Der Dirigent und auch Igor versuchen mir noch, einen anderen Tubisten, dem vom Kurrentzis-Orchester anzudrehen. Der würde sich also gerne ab Septemberbeginn an die Einstudierung des Notentextes machen, er sei sehr gut. Und so weiter. Ich hatte mit dem Moskauer Tubisten Fedor Shagov anderthalb Jahre gearbeitet, um ihm meine Ideen, die weit über das Abspielen irgendwelcher Noten hinausgehen, zu vermitteln. Er gilt als der beste Tubist Russlands. Ausserdem bedeutet es noch lange nicht, daß ein guter Orchestermusiker auch ein guter Musiker ist, sondern es gibt massenhaft Musikvollzugsbeamte, die keine Ahnung von selbständigem Agieren besitzen, wenn man denen die Noten wegnimmt, sind sie aufgeschmissen. Ich lehne erstmal freundlich lächelnd ab, habe jedoch Interesse, diesen Tubisten kennenzulernen.

Donnerstag, 23.08.2016

Gestern war das Treffen mit Igor, dem freundlichen Neue-Musik-Mann von Perm. Es ging um meine Arbeitsgenehmigung und das Ensemble, welches ich „einpeitschen“ soll sowie um das „Tschussowaja“-Projekt. 

Die Arbeitsgenehmigung kann ich bekommen, das Geld dafür habe ich dem Igor dagelassen, die anderen Erfordernisse wie einen Bluttest etc. haben wir vertagt, da ich morgen zurück nach Deutschland fliege. Leider war es dem Igor nicht möglich, mir Auskunft darüber zu erteilen, ob ein Bleibevisum an die Arbeitsgenehmigung gekoppelt ist. Auch über die Dauer der Arbeitsgenehmigung vermochte er nichts zu sagen. Sein Projekt, für das er mich so gerne möchte, endet im Dezember. Ob ich dann weitere ca 200.- € für das nächste Projekt abdrücken soll, er weiß es nicht, ich noch viel weniger… Was danach sein soll, steht wieder in den Sternen. Dieser ganze Formal-Tumult würde gekrönt werden von dem vollkommen lachhaften Honorar, welches er mir beim letzten Mal schon anbot und das ich als Witz abgelehnt habe. Bevor er weitere Schritte in Richtung der Arbeitsgenehmigung beschreitet, so habe ich ihm klargemacht, müsse mein Aufenthaltsstatus geklärt sein. Ist das in meinem Sinne geklärt, so kann er die Bearbeitungsgebühr bezahlen, sonst nicht. Von den 90 Tagen, die ich auf meinem jetztigen Visum noch in Russland bleiben kann, werde ich für dieses Projekt nichts abgeben. Da bin ich dann doch lieber in Lyubimova bei den Landfreaks, und wenn es auch nur für drei Monate ist, komponiere dort in großer Ruhe im Winter etwas Neues, als mich an und in einer Millionenstadt herumzudrücken, wo ich keine Ruhe und keine gute Luft habe und für ein absurdes Honorar eine kleine Arbeit mache. Ich hoffe, daß er meine Ermunterung, in größeren Bögen zu denken und nicht von Projekt zu Projekt zu hoppeln, geistig fermentieren lässt und danach etwas längerfristiges dabei rauskommt.

Vor diesem Termin habe ich meine Heiratsunterlagen bei meiner Ex-Zukunftsgattin abgeholt. ….Also, das ist alles eher kläglich bis frustrierend und die Bürokratie in Russland ist ungefähr genauso beschissen wie in Deutschland. Ginge es nach mir, würde man den die Menschen knechtenden Verwaltungsapparat komplett aufs Land verfrachten, wo er sich dann bei frischer Luft und gesunder körperlicher Arbeit aus dem Status des „Funktionshumanoiden“ wieder zu Menschenwesen zurückverwandeln kann.

Immerhin läuft das „Tschussowaja“-Projekt bisher glatt. Ende September läuft die Kündigungsfrist meines Hauses in Baden-Baden ab, ich werde also ausräumen. Die Hausbesitzer, die ich seit über einem halben Jahr um Stellungnahmen wegen eventueller Ablösen, es stecken -zigtausend meiner Euro an Sachwerten im Haus, abgesehen von meiner Arbeit, gebeten habe, stellen sich tot. Die jetzigen Bewohner des Hauses wissen auch nicht, wie es weitergeht. In fünf Wochen jedoch ist dieser Scheissdreck vorbei, dann atme ich durch und kann endlich wieder etwas Kreatives tun, das geht in diesem ganzen Geschwurbel grad gar nicht. Unbeeinflusst von allen diesen Erfahrungen ist mein großer Wunsch, im Ural zu leben.

24.11. 2018

seit einigen Tagen bin ich wieder im Ural. Meinen Garten in Baden-Baden habe ich weitergegeben und mein Haus gekündigt. Es waren da viele unschöne Ereignisse in dieser Zeit, den letzten drei Monaten – die Nachmieter haben mich völlig abgezockt, der Hausbesitzer versucht mit maximaler Destruktivität und frechen Lügen, mir heimzuzahlen, daß ich ihm Dumpfheit und Dummheit attestierte, indem er mir weder die Ablöse bezahlt noch die Kaution zurückgibt. So schuldet er mir nun tausende von Euro, welche ich einklagen muss. Gleichzeitig ist er frech genug gewesen, mich ohne Erlaubnis zu fotographieren, als ich barfuss in dem kalten Flüsschen Oos in Baden-Baden stand, um die miese Energie, die mir aus seinem Treiben erwuchs, herausfliessen zu lassen. Ob er wohl auf dieses mein Bild onaniert? Was für ein jämmerliches Ende eines altruistisch angelegten Projektes über achtzehn Jahe, ein ganzes Haus hatte ich bewohnbar und schön gemacht. Was für wunderbare Menschen da am Tisch sassen. Nun gut, das Leben geht weiter. 

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Die Stille um mich herum ist großartig und ich freue mich sehr, daß mein DuoPartner Matthias nun hier mit mir noch einige Tage in der Taiga verbringen wird, bevor er wieder nach Deutschland zurückfliegt, alldieweilen ich hier bis zum 14. Februar, also knapp drei Monate verweilen werde, wenn alles gut geht.

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Ziemlich gut verlief die russische Erstaufführung meiner „Tschussowaja“ vor zwei Tagen an der Permer Oper. Das Publikum war komplett begeistert, stehende Ovationen, vom Orchester ebenfalls.

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Ich selber bin dem Universum und dem Rüdiger-Sponsor sehr dankbar für dieses Ereignis. Als wir zur ersten Probe kamen, war im Saal der berühmte Currentzis am Proben der 4. Sinfonie von Gustav Mahler und ich sehr angetan vom guten Klang des Orchesters. Deshalb auch war es erst einmal nicht so schlimm, daß dieser Dirigiergott seine Probe um etwa fünfzig Minuten überzog. Dann allerdings, als wir endlich drankamen, packten sämtliche Musiker dieses 90-Musikerorchesters ihre Instrumente ein und machten Platz für ein anderes Ensemble, nämlich das grosse sinfonische Orchester der Oper Perm. Und das war dann schon sehr ernüchternd.Ich musste dann doch Druck machen, um wenigstens die fehlenden Instrumente zu bekommen, ohne Bassklarinette und Kontrafagott hätte ich das ganze abgeblasen. Vielen Dank an den wunderbaren Tubasolisten Fedor Shagov, seine Frau und den freundlichen Igor von der Neuen Musik Perm, die sehr hilfreich bei der Suche nach den fehlenden Instrumentalisten waren. Berührend fand ich, daß zwei Musikerinnen des Orchesters, nachdem sie erfuhren, was das bedeuten würde, an der richtigen Stelle zu weinen begannen während der Proben. 

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Igors Bemühungen, mir einen Arbeitsvertrag zu organisieren, sind steckengeblieben. Es macht keinen Sinn, für fünf Monate Arbeitserlaubnis 200.-€ zu bezahlen und dann ist alles wieder beim alten. Mit dem College geht es aus den gleichen Gründen auch nicht weiter. Ich bin jetzt auch über 100 Kilometer von Perm entfernt und hier bleibe ich jetzt ersteinmal.Als ich letztes Jahr im November in den Ural kam, hatte ich meine neuneckige Schamanentrommel, ein Geschenk aus der Mongolei, dabei. Bei dem ersten Schlag auf diese Trommel zerriss das Fell. Seitdem habe ich versucht, jemanden zu finden, der die Trommel neu bespannen kann. Und tatsächlich ist das jetzt geschehen. Zeitgleich mit meiner Ankunft in Perm kam meine reparierte Trommel aus Moskau an. Ich nehme das fröhlich zur Kenntnis, denn der Symbolgehalt ist schon enorm.05.12.Ich lebe mich gut ein. Das Haus war recht verwahrlost, der Besitzer lebt hier seit etwa zwei Jahren nicht mehr. Durch den Kollektivselbstmord seiner Bienen im vorletzten und in diesem Jahr wieder ist seine Einnahmequelle weggebrochen. Er zeichnet jetzt in einer kleinen Stadt Jahreskalender und irgendwelche Aufträge.Alles hier war erstmal voll Mäusekacke, überall. Ich habe von oben begonnen und heute sind alle Flächen oberhalb des Fussbodens sauber. Der Ofen ist wunderbar, es ist sehr warm im Haus und ich habe zwei Lastwägen voll trockenes Holz gekauft und gesetzt. Erstaunlich, das hat einiges Aufsehen erregt, die Leute hier wissen anscheinend nicht, daß man Holz auch ohne Stützwände stapeln kann, freuen sich über diese „Neuerung“.Mein lieber Aleksej, bei dem ich letzten Winter zu Gast war, der ist nun mein Nachbar, es sind etwa 600 Meter zu seinem Haus. Gestern ging ich mit ihm in die Taiga, er wollte Holz von einem wilden Apfelbaum haben, um damit den Käse zu räuchern. Wir haben einige Prügel dieses Apfelbaumes zu ihm nach Hause geschleppt und heute hat er damit den Käse geräuchert. Köstlich, einfach köstlich.Es gibt also auch hier gewisse Freuden am Essen und der Zubereitung. Letzte Woche hat seine Frau Lena mit Schachtelhalm gefüllte Kekse gebacken. Ich lerne viel Neues. Auch über meinen Wasserverbrauch. Es sind etwa zweihundert Meter bis zum Bach und der Weg ist schwierig, weil glatt und steil abfallend. Um nicht so oft gehen zu müssen, durchwandert das Wasser hier verschiedene Verschmutzungsgrade, wenn es nicht für Tee oder Suppe gebraucht wird.

10. Dezember

Was für ein Balsam auf meine durch die Baden-Badener Ereignisse entzündete Seele!!!

Ich erhielt eine Anfrage, ob ich auf einem Benefiz-Ereignis für atemkranke Kinder in Perm Didgeridoo spielen würde und ich sagte zu. Es ist nun von meinem Dorf Lyubimovo nach Perm eine Strecke von 110 Kilometern und mit dem Bus dauert es zweieinhalb Stunden. Bis zum Bus sind es auch anderthalb Stunden. Also schon eine richtige Reise. Gottseidank ergab sich dann jedoch eine Mitfahrgelegenheit nach Perm in einem Auto. Was für eine Art von Ereignis das sein wird, davon habe ich erstmal gar keine Ahnung. Ich fuhr von meinen freundlichen Gastgebern, die den Sommer ebenfalls in Lyubimovo verbringen und die ich schon etwas kannte aus zum Ort des Ereignisses. Das war eine recht grosse Fabrikhalle. Dort, so stellte sich heraus, werde ich mit acht Trommlern und einem anderen Didgeridoospieler die live-Musik zu einem Yoga-Marathon gestalten, welcher zwei Stunden lang dauern wird. Es waren hunderte und aberhunderte Menschen da, alle irgendwie sehr schöne Menschen, überwiegend jung und zu 90 Prozent weiblich.

Ich habe mal mit meinem Duo-Partner Matthias in Berlin auf einem Yoga-Gross-Ereignis gespielt. Also habe ich eine Art von Vergleichsmöglichkeit. Während das deutsche Ereignis von gutmenschenhaftem Bemühen strotzte, genervten esoterischen Müttern mit Unruhe im Blick und gewissermassen „katholischer als der Papst“ seiend, vollkommen unentspannt und humorfrei der Welt zeigen wollend, wie das mit Yoga geht, so war das Ereignis in Perm so berührend, daß ich sofort wieder wusste, weshalb ich nach Russland will. Vollkommen entspannte und  freundliche Menschen stimmten erstmal einen langen gemeinsamen Ton an, der anschwoll und durch seine freudvolle Macht bei mir Gänsehaut erzeugte. 

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Man hatte mir einen Platz vor den anderen Musikern installiert, als Solist, als Star des Ganzen quasi, den ich allerdings in dieser Form nicht annahm, sondern mich in einen Halbkreis mit den übrigen Spielern einfügte. Sowas gefällt dem Russen und mir auch. Hier repräsentiere ich immerhin Deutschland. Nicht die häßliche Kaste der Russenhasser, nicht die der Politik, sondern Beethoven, Bach, Brecht, Goethe, Achternbusch, Valentin…

Die Musik war improvisiert, jedoch mit einer Art von Choreographie vorbereitet. Es gab einen Klicktrack, eine Rhythmusvorgabe, die der Trommlerchef im Kopfhörer hatte und die das Tempo bestimmte. Also waren lange Passagen mit Beschleunigungen über viele Minuten hinweg, eigentlich unmerk-, jedoch erfühlbar

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eingebaut. Dann wieder zurück auf das Ausgangstempo. Das war der totale Hammer. Kalt war es da auch. Während die Yogamenschen ihre gymnastischen Exerzitien immer mehr schwitzend  vollzogen, froren der andere Didgeridoospieler und ich immer mehr auf dem kalten Betonboden sitzend. Jetzt habe ich Schnupfen, bin jedoch dankbar, daß ich das erleben durfte. 

Nach diesem Geschehen fuhr mich eine Trommlerin zum Markt, wo ich neue Walenki-Filzstiefel für die kommenden Wochen kaufen wollte. Sie machte einen Fehler, hielt nicht an, wo ein Fussgänger die Strasse betrat und prompt stoppte uns ein dicker Polizist. Schnell schaltete die Trommlerin auf Blondchen um und klimperte mit den Augen, erzählte von dem Deutschen und dem Konzert. Der dicke Polizist guckte ins Auto, grinste mich an, grüßte freundlich und wir durften ohne „Schtraf“, das ist das eingerussischte Wort für Bussgeld, weiterfahren.

Der Walenki-Verkäufer und ich waren sofort Freunde, nach der Umarmung ging ich weg, um noch Fisch einzukaufen. „Da ist der Klaus“ ruft laut die freundliche Fischverkäuferin durch die Markthalle, freut sich laut, die kennt mich wohl immer noch vom letzten Winter, es gab ein recht großes „Hallo“ und das Photo dieses Ungeheuers, das da zum Verkauf lag, möchte ich nicht vorenthalten. Das Vieh war locker zwei Meter fünfzig lang…..

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Noch einen Termin beim Theaterdirektor, meinem Freund Boris Milgram. Das war kurz und klasse. Er macht ein Beckett-Drama und der Hauptdarsteller soll da Didgeridoo spielen. Also werde ich zwar heute wieder in mein ruhiges Dorf zurück fahren, jedoch ab Donnerstag bekommt dieser geniale Schauspieler von mir offiziell vom Theater aus Unterricht.

Und vielleicht habe ich auch ein neues Eheweib, die hat mich angesprochen und sie will das und sie ist mir sehr sympatisch, singt wunderschön. Mal schauen.

12. Dezember

Gestern bekam ich den Mitschnitt der „Tschussowaja“ von der Permer Oper geschickt. Also, der ist musikalisch um Längen besser als die Baden-Badener Uraufführung. Zwar sind die instrumentalen Einzelleistungen vielleicht nicht so gut, jedoch ist die Aufführung viel viel spannender als das weichgespülte, mit Solarenergie wohlgeföhnte und letztendlich lieblose Dirigat im Weltbad.

Wir haben uns gestern bei meinem Nachbarn Aleksey diese Aufnahme angesehen und -gehört.

Wie der fünfjährige Sohn auf den Stimmungswechsel zwischen dem ersten und dem zweiten Satz reagiert hat, das war schon phänomenal.  Ein Kind aus der Taiga, fängt an, Fratzen zu ziehen und von Angst zu sprechen, gleichzeitig fasziniert von den eigenen Gefühlen…. Er kennt eben nicht, wie viele Stadtkinder, bereits alle Horror- und Actionfilme, da ist seine Seele ja völlig unbeschädigt. Mir ist das eine Beruhigung oder auch Bestätigug, daß das Konzept stimmig ist.

Und wir haben die von mir aus Perm mitgebrachten großen und prächtigen Zander geräuchert, wieder mit Apfelholz. Was als Experiment begann, das endete mit einem grossartigen Ergebnis. Ich glaube, daß man in einem noblen deutschen Restaurant auch von den verwöhntesten Gourmets Verzückungs- und Lustschreie oder -grunzen hören würde ob eines solchen Geschmackserlebnisses.

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Täglich, immer noch, tauchen Fliegen auf, erwacht von der Wärme des Hauses, kommen aus ihren Ritzen und taumeln dann wie blöde einige Tage in der Luft herum, fallen in mein Trinkwasser und ins Essen, das tun sie irgendwie bevorzugt, ertrinken dort oder sie drehen noch stundenlang brummend, auf dem Rücken liegend, kleine Kreise auf den Fensterbrettern oder dem Tisch. Auch in stockfinsterer Nacht kreisen fette Brummer. Irgendwie hatte ich den Gedankenblitz, daß diese Fliegen der gegenwärtigen mitteleuropäischen Politikerkaste recht ekelhaft entsprechen. Die laute Sinnlosigkeit mit Verschmutzungs-Wirkung, das klägliche Verscheiden nach einem vergeudeten Leben, erbärmlich, verstörend erbärmlich.

Und nun noch zwei Erlebnisse, die beide gleichermaßen sehr schön das Bild von Russland, der hiesigen Situation, charakterisieren.

Ich erwarb in dem kleinen Städchen Ochansk zwei Schnüre mit jeweils zehn Metern Länge. Als ich die zweite dieser Schnüre auspackte und recht blöde dreingeschaut haben muss, als ich sie genauer anschaute, sagte mein Nachbar, der gar kein Englisch kann, grinsend und wie eingeübt: „welcome to Russian reality“. Also, die Gesamtlänge der Schnur dürfte tatsächlich zehn Meter sein. Jedoch habe ich noch niemals eine Schnur gekauft, die aus drei zusammengeknoteten Einzelstücken bestand. Das war mir eine neue Erfahrung.

Nach meiner Abreise aus dem „Amaks“-Hotel, wo ich während des Tschussowaja-Projektes wohnte, stellte ich fest, daß ich meine elektrische Zahnbürste ebendort vergessen hatte. Also versuchte ich via E-Mail und mehreren Telefonaten, dieses im Hotel kundzutun. Ohne wirklichen Erfolg. Am letzten Samstag ging ich nach dem Yoga-Marathon hin und wollte sie holen. Da war allerdings nur ein junges hilfloses Mädchen an der Rezeption, die mir nicht weiterhelfen konnte, selbst, wenn sie Englisch gesprochen hätte, wären wir nicht weitergekommen. Ich war also heute schon ein bißchen angefressen, als ich wieder hinging, hatte mir vorgenommen, diesmal einen Manager oder ähnlich Verantwortlichen anzufordern, falls das wieder so doof ablaufen würde. Ich gehe auf die Rezeption zu, die Mädels beginnen zu strahlen. Mich kennt natürlich jeder, wer sonst rennt mit Flipflops durch Perm…..Hinter den Mädels steht eine nagelneue verpackte Zahnbürste, die diese mir freudig und stolz in die Hand drücken. Da war ich erstmal komplett sprachlos und dann bat ich um ein Gespräch mit dem Manager. Das war eine wunderschöne junge Frau. So stand ich dann da, mit drei schönen Russinnen, die glücklich über mein freudiges Erstaunen und meine Berührtheit waren. 

Fand ich richtig bemerkenswert.

16.12. 2018

Wegen der vielen Mäuse hier hatte mir gleich zu Beginn meiner Lyubimovo-Zeit der Boris, ein Nachbar, eine seiner Katzen vorbeigebracht. Dieses Viech war von Anfang an scheu und ich war nicht begeistert davon, jetzt hier mit einer Katze das Haus teilen zu müssen. Allerdings beruhigte ich mich, denn der Land-Russe füttert seine Katzen so gut wie nie, die brauchen das nicht. Einzig ab und zu etwas Brei, weil ausschließlich von Mäusen zu leben sei der Gesundheit der Katzen abträglich so erklärt man es mir. Als ich dann, die Katze miaute wie immer unter irgendeinem Sofa herum, eines Tages barfuss auf einem dieser Sofas stand, um die Mäusekacke von Regal zu entfernen und einen Schritt nach rechts tat, wußte ich binnen Millisekunden – ohne hinzusehen, worin sich nun mein Fuss, den kaltfeuchten, zwischen den Zehen heraufquellenden Schleim nur erfühlend – befand. Es gibt ja viel Schnee vor der Türe, das wird man wieder los. Allerdings musste ich auch eine Matratze und zwei Decken wegschmeissen. Was macht man ausserhalb der Zivilisation bei minus 15° mit Decken, die mit Katzendreck verschmiert sind?

Danach habe ich die Katze nicht mehr im Zimmer gesehen sie verzog sich Gottseidank von alleine nach draussen. Ihr blödes Geschrei kam nun aus der Scheune, Dachboden. Ich habe ihr alle zwei Tage eine geräucherte Sprotte hingelegt, doch gestern dann habe ich sie eingefangen und dem Besitzer zurückgebracht. Dem armen Boris ist der Vater zwischenzeitlich in Weissrussland gestorben, an Alkoholismus. Der Boris wird ihm leider nachfolgen. Endlich habe ich einen Alkoholiker getroffen. Und das auch noch im Dorf der Liebe. Ein total lieber Typ. War lange Jahre Discjockey in der Stadt und auf Festivals. Da hat er es so richtig krachen lassen, bevor er aufs Land zog. Hier lerne ich viele kennen, die sich in ihren Vorleben in der Stadt Amphetamine gespritzt haben. Mein lieber Nachbar Aleksej hat das ja auch gemacht. Ich weiß überhaupt nicht, was das bewirkt und mit den Menschen macht. Auf jeden Fall ist beim Boris der Alkohol hängengeblieben und ich finde das schade. So meide ich näheren Kontakt und er fühlt das und es schmerzt ihn und er trinkt noch was…..

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Während ich das schreibe, sitzt eine „neue“ Katze auf meinem Schoß, die hat der Besitzer des Hauses vorbeigebracht, was für eine höfliche und schöne Katze, die hat mich sofort verzaubert.

Und ebenfalls, während ich das schreibe, höre ich das häßliche Vieh vom Boris wieder heulend um mein Haus streichen. Gestern hatte ich sie zurückgebracht. Das waren gut zwei Kilometer Entfernung. War ein Fehler, sie gefüttert zu haben. 

Ein Gedanken macht mir schon länger Freude, jetzt schreibe ich ihn mal auf. Es geht um Vogeleier. Ein Vogel ist ja auch ein Warmblütler mit konstanter Temperatur. Diese hat selbst das kleinste Vögelchen ja wohl bereits beim Schlüpfen. Hat es diese Temperatur auch schon eine Minute vor dem Schlüpfen? oder eine Stunde? Oder einen Tag? Ab wann leuchtet ein von innen durch Leben erwärmtes Vogelei bei Infrarotphotographie, Wärmebildkamera?

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Bisher bin ich von dramatischer Kälte verschont geblieben. Es war mal kurz nächtens minus 25°, ein oder zwei Nächte, jedoch ist es meist fast schon milde zu nennen. Die Temperaturschwankungen sind weitaus größer als in Deutschland. So häufige Wechsel von zwanzig Grad rauf oder runter kenne ich bisher nicht, nur von hier. Und heute kam mir erschreckend durch den Sinn, daß ich nun schon einen Monat hier bin, ein Drittel der geplanten Zeit. Nur noch zwei Monate. Die Zeit rast auch hier, wenngleich kein Weckerticken oder Kirchenglockengehämmere mich hier plagt oder belästigt. Kirchenglocken, das ästhetisierte Klirren der Sklavenketten der Vorzeit, nun mehr oder weniger subtil den Endzeitlemming in Trab haltend, versklavend ohne Ketten, versklavt sogar mit Gehalt und Fernseher.

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Die beiden Tage in Perm war ich recht fleissig. Ich habe einem Schauspieler des Theaters jeden Tag intensiven Einzelunterricht im Didgeridoospielen gegeben, auch  Klangmöglichkeiten gezeigt, abseits vom üblichen Spiel. Er sitzt in einer Tragigkomödie „Endspiel“ von Samuel Beckett in einem zentralen Sessel und tyrannisiert die ihn hassende Umgebung, postapokalyptisches Ambiente, die Eltern in Mülltonnen hausend, ein Diener …. böse, finsteres Stück, auch lustig.

Viel im Internet hin- und hergestochert, es besteht die Möglichkeit, daß meines Mäzens Malerfreund hier in Perm schöne Sachen zu tun bekommen könnte und ich arbeite sehr darauf hin, diesen süditalienischen Menschen hierher zu locken, in den auch klimatisch schlecht beleumundeten Ural. Das wäre mir eine Freude, wenn ich das hinbekomme.

Und ich habe nochmals einen Professor der pädagoschen Hochschule getroffen und ihm angeboten, meine Erfahrungen mit mitteleuropäischer „Neuer Musik“ mit seinen Studenten, die Musiklehrer werden wollen, zu teilen. Ich mache das gerne und bisher ohne jede finanzielle Erwartung. Ich werde das so lange weiter betreiben, wie ich es kann, finanziell und visumstechnisch. Nächste Woche fahre ich schon wieder in die Stadt. Es ist die weltweite Didgeridoomeditation zur Wintersonnenwende, weshalb ich hinfahre. Und dann gehe ich gleich auch noch an die Uni, um dort etwas zu erzählen. Falls der Schauspieler auch noch mal eine Stunde Unterricht will, bekommt er diese auch.

Dieser Schauspieler fiel mir als genialer Caligula auf, das wurde hier als Rockmusical aufgeführt. Und ich war da viermal drin. Zwischen dem ersten und dem vierten Mal waren etliche Monate Zeit vergangen. Beiläufig erwähnte ich dem Boris, dem Regisseur und Theaterdirektor gegenüber, daß der Caligula etwas fetter geworden sei, träge irgendwie… auf jeden Fall im Vergleich zu den ersten beiden Aufführungen, die ich gesehen hatte. Und das hat der Boris diesem Schauspieler offenkundig erzählt. Der war allerdings gar nicht sauer auf mich sondern hat sich eher entschuldigt, daß er zu Anfang der Spielzeit noch Liegestützen ohne Ende gemacht hat, um seiner Rolle gerecht zu werden, dann allerdings im Spiel- und Ablaufplan dafür kein Platz und keine Zeit mehr gewesen sei. Das kam jetzt beim Didgeridoo-Unterricht raus, als ich ihm ein Kompliment für den Caligula gemacht hatte.

19.12.2018

Heute kam ein Kamerateam vorbei, den ganzen Tag lang meine Gäste. Die Leute hatten ursprünglich den Auftrag, das „Tschussowaja“-Projekt an der Permer Oper zu dokumentieren. Doch schon beim ersten Kennenlerntreff in einem Permer Restaurant meinte der Chef dieser Truppe, dass er darüberhinaus auch einen Film über mich machen möchte, eine Dokumentation, die sich um mein Leben und mein Denken, Fühlen, Komponieren dreht. Schön, das hat mich gefreut zu hören und nun ist es tatsächlich so gekommen. Die haben den Weg nach Lyubimovo gefunden, kamen heute früh an, nachdem sie sich vorgestern Abend angekündigt hatten. Eine Dolmetscherin und drei Mann Filmteam, richtig professionell. Einer der letzten Filme, welchen sie produziert hatten, der war über den Dirigiergott Currentzis. Das sind also keine Schwätzer oder sonstige Affen. So ein ganzer Tag lang ist anstrengend, Gastgeber und Interviewpartner in einem, gleichzeitig Hauptdarsteller bei allen möglichen Aktionen hier. Wasser holen, Holz ins Haus schleppen, Ofen anschüren…Was ich klasse fand, daß ich mich dazu durchgerungen habe, nach dem Banja, dem traditionellen russischen Dampfbad, in das ausgesprochen mühsam ins Eis gehackte Loch zu steigen und in diesem Eisloch ein Didgeridoosolo gespielt zu haben. So etwas hätte ich nie geglaubt, daß ich das mal machen könne. Heute ist es zudem recht kalt, jetzt am abend minus 25°. Wir haben zu dritt mindestens zwanzig Minuten gebraucht, um das dicke Eis weit genug aufzuhacken, damit man da reinsteigen kann. Gehackt habe ich auch Holz für die und ihre Kamera. Ich habe eine für mich neue Technik gesehen bei meinem Nachbarn, dem lieben Aleksej und die habe ich übernommen, großes Staunen bei den Filmern. Ich habe gestern schon ein Photo von dem Holzstoß gemacht, weil, wenn ich dann mal fertig damit sein sollte, glaube ich es selber nicht mehr, daß ich das alles kleingemacht habe.

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Gestern lief im Fernsehen in Deutschland die Reisedokumentation „Expedition Baikal“. Im August war das Kamerateam des RBB hier in Lyubimovo und in Perm und hatte gedreht. Ich darf also die Permregion repräsentieren. Fand ich klasse. Anders als diese schwäbische Zeitungsfrau, die mich auf dem Jakobsweg im Sommer portraitierte und mir dreisterweise Sprüche in den Mund legte, die ich niemals sagen würde, hat der Regisseur Christian Klemke es in wunderbarer Weise geschafft, Sympathie für Russland und die Menschen hier zu wecken. 

Eine zentrale Aussage in „meinem“ Teil des Filmes ist mein Bleibe-Problem. Das ist ja immer noch nicht gelöst. Doch neben einigen anderen Reaktionen auf diesen Film, die mich als Mail erreichten, kam auch von einer geschlossenen facebook-Gruppe eine Nachricht, ich könne dieser winzigen Gruppe beitreten, die nennt sich „Leben in Russland“ und sie wird von einem Dutzend Deutscher betrieben, die in Russland leben. Man bot mir Hilfe an. Das finde ich erstmal sehr erfreulich.

Als das Kamerateam abfuhr, war es bereits dunkel und ich ging zu meinen Nachbarn, um Mails zu schicken und empfangen. Der Mond scheint hell, in drei Tagen ist Vollmond. Das Wagnis, in die Kälte Russlands zu gehen beschenkt mich mit unerwarteten Beglückungen. Wie die Kristalle vom Schnee im Mondlicht funkeln! Da bekommt man fast Rauschzustände. Ein solches Glitzern und Blinken und Funkeln ist mir bewusst noch nie aufgefallen. Die iPhonekamera kann das nicht wiedergeben, gottseidank kann das nur live erfahren werden. Was für ein Geschenk. Ein im nächsten Tal wohnender Nachbar war etwas besorgt. Man habe Wölfe gesehen. Für die Ziegen- und Schafehalter scheint das ein Grund für Beunruhigung zu sein. Die Zäune werden überprüft.

26.12. 2018

Ich bin seit einem Monat in diesem Holzhaus. Seit einem Monat trinke ich Wasser aus einem Bach, keinen Alkohol getrunken und den Nikotinkonsum, der sich durch mein Erschrecken über den Zustand der Welt während des Jakobsweges quer durch Süddeutschland erfolgreich an mich heranschlich, auch vollkommen beendet. Obwohl oder weil ich keine Verpflichtungen habe, vergeht die gelebte Zeit langsam und wundervoll ruhig, die Kalenderzeit jedoch hat sich abgekoppelt und hoppelt wie beim Hase und Igel bis zum Zusammenbruch, während der Igel später genüßlich schmatzend, es gab wohl wieder frisch mit Wildapfelholz geräucherten Zander oder Lachsforelle, am kollabierten Hasen vorbeiwackelt. 

Und was das Wetter betrifft, ich habe bisher großes Glück gehabt. Keine Stürme und die paar sehr kalten Tage bisher haben mir gezeigt, was ich beachten sollte mit Kleidung, Öfen und Wasserholen im Bach. Der Bach zum Beispiel friert zu und ich muss jeden Tag das Eis oben drüber soweit aufschlagen, daß da der Eimer hineinpasst. Das ist mir zu mühselig und nun organisiere ich einen größeren Wasserbehälter mit achzig oder hundert Litern. So brauche ich dann das Eis am Bach nur noch alle vier oder fünf Tage aufzuhacken. Bis etwa minus zwanzig ist es im großen Raum meines Gehäuses mit den Öfen heizbar. Wird es dann draußen noch kälter, wird es auch drinnen kälter. Es gibt zu viele Ritzen, besonders von unten her ist keinerlei Isolierung oder Windabdichtung. Das kann der Ofen nicht mehr warm bekommen.  In den kleineren Raum, in dem ich jetzt ungeheizt schlafe, werde ich dann wohl umziehen müssen, wenn es längere Zeit kälter als minus 30° wird, denn der Ofen heizt diesen kleinen Raum sehr gut. Doch bisher empfinde ich das als überhaupt keinen Jammergrund. Und minus 15° ist nun schon eine leichte Übung. Ich hacke jeden Tag eine oder zwei Stunden Holz, das macht mir Freude. Bis auf diese Scheissbrille. Je kälter, desto nerviger, einmal falsch ausgeatmet und die Brille ist zugefroren vom Atemdampf. Ich komme oft naßgeschwitzt ins Haus, noch niemals frierend. Man friert erst drinnen, wenn man die Schichten von Kleidung ablegt und das nassgeschwitzte T-shirt kommt an die Luft…..

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Die wirklich schönsten Dinge, welche man erleben darf, die kosten nichts, das sind die Geschenke. Allerdings muss man sich halt auch dorthin begeben, wo man etwas geschenkt bekommt. Ich bin also schon seit Jahren bei Vollmond im Wald, außer, wenn es regnet oder starker Nebel ist. Wenn der Schwarzwald durch das Mondlicht in flüssiges Silber getaucht ist und die Tiere mich nicht beachten, weil ich barfuss vorbei gehe. Das ist dann schon sehr beglückend und jeder vom Denk-Kopf geblökte Sorgenruf wird belanglos in dieser stillen sanften Schönheit, verhallt irgendwo anders.

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Hier im Ural geht vom Wald eine ganz große Ernsthaftigkeit aus. Hier im Vollmond durch die Eiseskälte, das ist noch ein ganz anderes Erlebnis. Hier ist man winzig und fast atemlos vor Ehrfurcht über die blitzenden und glitzernden Lichtpünktchen, unzähliche immerzu, und vor der stillen Erhabenheit der Natur, hier im Palast der Eiskönigin. Von großer Reinheit. Ich komme mir nachts draußen manchmal vor, als sei ich auf einem anderen Planeten. Eine Herrscherin, die es gut mit mir meint, jedoch streng auf Einhaltung bestimmter Regeln beharrt und die das mit dem Blick auf die größte Schönheit, die man je sehen kann, belohnt.

31.12. 2018

Meine Zeit vergeht so still und das Leben hier ist so langsam, es ist eine Freude. Wenn ich mein Laptop aus dem Wohnraum hole und neben dem Bett auf einem Tisch aufbaue, gehe ich dafür zweimal. Einmal, um das Netzteil zu holen und in die Dose zu stecken und ein zweitesmal, um den Rechner zu holen. Jedes Ding bekommt die volle Aufmerksamkeit. In meinem Haus in Baden-Baden war der Ansporn, möglichst effizient über die vier Etagen rauf und runter zu leben, „Leerfahrten“, Gänge, die nur in eine Richtung Sinn machen, zu vermeiden. Das hat natürlich auch eine Art von Zen und Spass in sich gehabt. Hier jedoch gibt es keinerlei Anflüge von Multitask, geistiger Mehrfachbelegung oder -beanspruchung. Wozu auch. Mir graut jetzt schon vor der Rückkehr nach Deutschland, was hoffentlich nur eine sehr kurze Zeit sein wird. Mal schauen. Als ich das letzte Mal nach Deutschland zurückkam und am Frankfurter Flughafen auf einen Zug in Richtung Süden wartete, dann einstieg, war ich sehr erstaunt über die tumultöse Panik und Hetze am Bahnsteig dort. Freitag abend um etwa 17 Uhr. Es waren zwei aneinandergekoppelte ICE-Garnituren eingefahren, allerdings war die Reihung der Waggons in umgekehrter Reihenfolge als auf den Plänen angegeben. Das hatte zur Folge, daß die von vorne nach hinten rannten, ungefähr in der Mitte des Bahnsteiges auf die stießen, welche von hinten nach vorne rannten. Dort gab es ein wüstes Gewimmel. Jeder trachtete danach, seinen reservierten Platz einnehmen zu können. Manche versuchten es im Zug, durch den Mittelgang, wo ihnen allerdings auch die entgegenkommenden im Wege waren,  ihrem Sitzplatz entgegenzustreben…Und da dieser Zug etwa 100 Minuten Verspätung hatte, war ich allerdings auch zwanzig Minuten eher als gedacht in Mannheim. Dort fand dann das gleiche Spektakel, das gleiche panische fluchende Gewimmel statt.

Obwohl mich die Hausbesitzer und die Nachmieter so elend abgezockt haben, geht es mir hier jetzt doch viel viel besser, der Tausch ist eigentlich klasse. Und die Übung war schwierig, dieses Protagonistenhäuflein nicht zu verfluchen. 

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Wenn ich das grad so betrachte: ich lebe jetzt in einer Gegend in einem Haus, welches auf Weihnachtsgruß-Kitschpostkarten abgebildet sein könnte. Die Landschaft wunderschön, die Energie des Ural erhaben und beglückend. 

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Das Netzwerk zwischen den wenigen Leuten hier ist gut geknüpft. Wenn einer in die Stadt fährt, so lässt er das die anderen wissen und bringt dann mit, was nötig ist. Und das zu hackende Holz ist auch „wilder“. Der Holzstoß ist nun beinahe weg und woanders ist ein Brennholzstapel entstanden. Den „Zen“ beim Holzhacken, den hat der „Russe“ jedoch weitgehend nicht in sich aufgesogen. Die gesägten Stücke, die ich hier spalte, variieren in der Länge zwischen 25 und 70 Zentimeter. Das ergibt natürlich beim Stapeln ein gänzlich anderes Bild, diese uneinheitliche Front des Holzstockes. Ich meine nun nicht die deutsch-akribische Weise, mit Hilfe einer Vorrichtung alle Stücke genau gleichlang zu schneiden, denn dabei geht der „Zen“ ja vollkommen verloren. Ich meine schon die freudvollen Gedanken, die man beim Sägen der Stämme haben könnte, wenn man den daraus entstehenden Stapel im Geiste vor sich sieht und daß das alles hübsch und trefflich passt. Sowas interessiert hier, glaube ich, nicht oder niemanden.

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meine schiefe Scheune

Heute hat es mich beim Holzhacken an den Ohren gefroren und ich musste die Kaputze zubinden. Später erfuhr ich, daß jetzt minus 30 Grad sind. Um mich besser bewegen zu können, habe ich keine Jacke oder Mantel an, sondern drei Pullover übereinander. Der äußerste Pullover ist nach zwei Stunden irgendwie durchgefroren. Er wird weiß und ist dann mit Eiskristallen besetzt. Diesen lasse ich meistens vor der Türe in der Scheune, wo auch die Aussentemperatur herrscht, ziehe ihn draussen schon aus. Es kostet mich jedesmal Überwindung, den dann wieder anzuziehen. Er ist schwer, als sei er klatschnass. So fühlt er sich auch an. Das ist jedoch Quatsch, denn bei der Kälte ist nichts mehr nass. Und wenn ich diesen Pullover nicht anziehen würde, wäre der nächste, der an sich an der Aussenluft befindet, nach zwei Stunden auch so ein feuchtkaltes Panzerhemd… Es macht tatsächlich Sinn.

Ich sitze im T-Shirt am Tisch und schreibe, das Wasser auf dem Ofen neben mir singt mit beinahe sinfonischer Macht, das würde ich gerne aufschreiben können, was da passiert. Warum eigentlich singt das Wasser auf dem Feuer? Was singt es?

Wenn ich nachts nochmal eine Strecke draußen gehe, habe ich oft das Gefühl, daß ein schwach schimmerndes rötliches Licht mich von hinten her anstrahlt. Das Gefühl habe ich schon sehr oft gehabt und mich auch mehrfach schon umgedreht deswegen. Doch da ist dann nichts..Überhaupt ist das Spiel von Licht und Schatten besonders nachts absolut faszinierend, da es ja keine Farben gibt, alles zwischen weiß und schwarz vorhanden ist, manches leuchtet, warum auch immer, etwas mehr als die Umgebung und stumme freundlich-ernste Wesenheiten, die ich spüre jedoch nicht sehen kann, beobachten jeden meiner Schritte und Bewegungen, wissen auch von meinen Gedanken und Gefühlen. Man ist nicht alleine.

04.01.2019

Gespannt war ich auf die Feiertage, wie das hier wohl sein wird. Also, Weihnachten hatte bei meinen Nachbarn keinerlei Bedeutung und Sylvester wird groß gefeiert. Geschenke gibt es ebenfalls erst am Abend des letzten Tages.

Ich hatte vier Menschen zu Gast, davon kannte ich flüchtig nur die Larissa, das ist eine Option auf ein Eheweib. Die anderen waren Freunde von ihr, es waren insgesamt drei Frauen und ein Mann hier. Von Deutschland her bin ich gewohnt, daß man sich, wenn man ein guter Gastgeber sein will, erstmal tagelang Gedanken macht, wie und womit die Gäste beglückt werden könnten, leiblich und seelisch, daß sie um eine schöne Erfahrung bereichert wieder abreisen. Und da geht dann öfter mal auch etwas schief, wenn man zu viel oder zu wenig bedacht hat.

Mein Gastgeberstress war in dem Moment weg, als ich den furchtbar qualmenden Ofen mit Hilfe vom Roman, dem Maultrommelbauer, wieder flott bekam. Das Ofenrohr war mit Russ zugestopft, da ging nichts mehr, selbst die Katze ist zur Türe raus wegen des Qualms. Gottseidank waren draussen nur minus 9° und nicht minus 45°, und so war dieses Problem nach zwei Stunden wohlgefällig gelöst.

Der Besuch hatte alles mitgebracht, was zum Wunderbar-Überleben nötig ist. Gläser, Teller, Essen. Ich hatte vier große Zander bestellt, die hat die Larissa vom Markt geholt, wobei die Fischfrau mich grüßen ließ. Perm ist in dieser Hinsicht so klein wie Baden-Baden, trotz einer Million Einwohner. Alles wird beobachtet, registriert, allerdings hier deutlich freundlicher kommentiert. Einen schönen Brauch konnte ich erfahren: Man nimmt am Sylvesterabend zwölf Granatapfelkörner in die eine Hand, in der anderen war das Wasserglas, es gab keinen Alkohol, und um Punkt Zwölf stösst man mit dem Wasser an, wünscht allen alles Gute und dann wünscht man sich selber etwas, innig, während man die zwölf Granatkörner zerkaut und schluckt. Die eine Frau, Julija, sie lehrt Russisch an einer Universität in Jekaterinburg, hatte vorher in einer Ecke des Zimmers mit Hilfe von einem Tannenzweig, drei Zedernzapfen mit bunten Mützen drauf, einer Taschenlampe und Musik, teilweise vom Mobiltelefon, teils von mir, eine lange Geschichte von einem traurigen Gnom erzählt, mit happy-end. Obwohl ich nicht wirklich was verstanden habe, so war das doch, vielleicht sogar gerade deshalb wunderschön und berührend. Meine Nachbarn, Alexej und Lena, seine Frau und die Kinder waren auch da, wie gebannt alle der Geschichte zuhörten, die war lang, bestimmt eine Stunde, faszinierend in dieser Schlichtheit. Es hat mich zwischendrin traurig gemacht, daß es in Deutschland keine Gnome mehr gibt, ausser in der Politik, die bösen Gnome und keine Feen mehr. Da gibt es in der Politik keine, weibliche Ungeheuer wohl. Wir haben wahnsinnig viel gegessen und bis um 05 Uhr in der Früh Musik gemacht. Wie in Italien auch verschwinden die Frauen zwischendrin in der Küche und spülen die Tassen und Teller wieder ab. Ich erinnere mich an eine Peinlichkeit, die ich als strebsamer Gutmensch einst in Italien beging. Da wollte ich nämlich zeigen, daß ein deutscher Mann sich nicht zu schade sei, um abzuspülen. Und so bin ich dann als tumber teutscher Trampel zwischen den ganzen Weibern gestanden, die sich wegen mir, meiner Gegenwart, ihre Geschichten nicht mehr erzählen konnten, höflich blieben, die Männer im Eßzimmer grinsten hinter den Zigarren und dem Grappaglas. So habe ich mir das hier nun verkniffen und bin nicht eingeschritten. Die Kinder sind einfach immerzu dabei, schlafen mal kurz, dann wieder munter, bis zum Ende, auch die ganze Freundlichkeit und Geduld gegenüber den Kindern erinnert an Italien. Am ersten Januar räucherten wir die vier Zander, die jeweils ein Kilogramm wogen, mit Wacholder- und wieder mit Wildapfelholz. Da hat es mich zum ersten Male hier gefroren, ich hatte die falschen Sachen an für stundenlang im Freien auf der Stelle neben dem Räucherfass zu stehen. Bis der Zander fertig war, das dauerte wahnsinnig lange. Ich besorge lieber mehrere kleine Exemplare das nächste Mal. Ich habe mir überhaupt nichts vorgenommen für die Zeit, die ich hier verbringen darf. Dafür jedoch passiert sehr viel. Ich habe gar nichts geschrieben von der weltweiten Didgeridoomeditation, die ich in Baden-Baden sowie auch in Perm eingeführt habe. Da waren zur Wintersonnenwende zehn Spieler und etwa hundert Leute, die in Sitzsäcken gelümmelt dem Ereignis lauschten. 

Morgen fahre ich wieder mal in die Stadt, ich werde bei einer Hausmusik auftreten. Meine Filmleute werden auch kommen. Mit denen steht auch noch ein Drei-Tages-Ausflug an die Tschussowaja an, weiter weg von der Mündung, da sind riesenhohe Felsensäulen und ein froststarres Land in bizarrer Schönheit. Auf diese Tour freue ich mich besonders. Die Filmies sind echt klasse, kompetent, lustig und mit Plan, die wissen, was sie wollen. Ich lasse sie machen, beteilige mich an den Kosten, bzw schiesse etwas Geld hinzu, das wird schon irgendwie werden.

Mein Ofen, der macht ja bis etwa minus 15° die Räume schön warm. Dieser Ofen steht auf dem Holzboden im Holzhaus. Vielleicht kann jemand, der einen deutschen Schornsteinfeger kennt, mal diesen zeigen. Und der Ofen hat unten eine undichte Stelle, ich roch zwar länger schon den Rauch von heissem Holz, doch entdeckt habe ich das erst vor zwei Tagen. Der Boden unter dem Ofen ist bereits leicht angekohlt. Ich fand in der schiefen Scheune ein Blechstück, das liegt jetzt unter dem Ofen und bedeckt teilweise das Holz. So fühle ich mich besser..

08.01.2019

Heute früh um 06:15 stand, wie ausgemacht, das Auto des Produzenten vor der Tür meiner Gastgeber in Perm. Was eigentlich passieren wird, das hat mir keiner richtig gesagt, außer, daß wir an die Tschussowaja fahren werden, etwas entfernt, und „da sei es schön, ich soll das Didgeridoo mitnehmen“

Ich steige also ein in des Produzenten Auto, die Fahrt ist kurz, endet in Perm irgendwo. Wir werden mehr Leute, haben unterwegs noch einen aufgepickt und es kommen noch zwei zu diesem Treffpunkt, der anscheinend das Studio der Filmies ist. Dann sitze ich mit sechs anderen Menschen in einem bestellten Minibus, weshalb wir so zahlreich sind, erschließt sich mir erstmal noch nicht. Knapp vier Stunden Fahrt durch immer einsamere Gegenden, es wird deutlich wilder, hügeliger, die Strasse, welche wir die letzten achzig Kilometer fahren, das sind anderthalb Stunden, verläuft durch menschenleeres Gebiet, ein einziges Gehöft passieren wir in dieser Zeit. 

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Was für eine Situation, ich sitze mit sechs Männern, von denen ich drei schon mal gesehen habe, keiner kann Englisch oder Deutsch, in einem Siebensitzerkleinbus und holpere durch die verschneite Waldlandschaft des verzauberten Ural. Wenn das jetzt Räuber, Erpresser oder Mörder wären, ich hätte nicht mal einen Pfefferspray….. Andererseits, bisher habe ich nur schöne Erfahrungen gemacht und irgendwie finde ich es klasse, daß diese ganze Aktion von ganz alleine zu mir kam, auf mich zu…da habe ich ja nichts forciert oder sonstwie angeleiert, organisiert. Wir erreichen ein kleines Nest namens Kyn an der Tschussowaja und steigen an einem recht prächtigen Jägerhaus aus. Von hier aus starten schießfreudige Mitmenschen ihre Unternehmungen, knallen Bären, Wölfe und Elche ab, schlafen und essen hier. Es gibt oder gab sogar eine Verbindung heim ins Reich, wie diese freihändig gravierte Tafel beweist. 

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Originell das Arrangement von Maschinengewehr und Weihnachtsbaum am Eingang, das Ding geht bestimmt noch. 

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Es ist saukalt, gottseidank winsele ich noch etwas herum, bevor es rausgeht und bekomme sehr warme Jägerklamotten. Da ich nicht genau wusste, was auf mich zukommt, durch Änderungen von Plänen bin ich ohne Schal und mit unzureichender Kleidung hier angekommen. Nach einer Tasse Tee bringen uns zwei Chauffeure mit Motorschlitten in flotter Fahrt durch den wunderschönen verschneiten Wald bergauf zu einer in die Landschaft hinausragenden Klippe, wohl gut hundert Meter über der zugefrorenen und verschneiten Tschussowaja. Und ich kenne diese Stelle!!! Wahnsinn, da war ich vor drei Jahren im Sommer. Ich soll also mit dem Didgeridoo von hier oben die Landschaft bespielen. Einer bleibt bei mir, die anderen fahren weg und sind eine Viertelstunde später unter mir auf dem Fluss. Auf Zeichen soll ich bitte Didgeridoo spielen. Doch ohne die warme Jacke, weil die farblich mit der Schneelandschaft nicht korrespondiert oder als Jägerkleidung nicht zu mir passt.

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Bis unten die Scheissdrohne flugfertig ist, stehe ich oben auf meiner einsamen Klippe, gottseidank schwindelfrei, einen Schritt hinter mir geht es über hundert Meter senkrecht nach unten. Der Wind pfeift eisig, die Aussicht ist grandios. Dann wird es quasi ernst, ich spiele und spiele, die Drohne umsummst mich, rauf und runter, das Didgeridoo wird schwerer und schwerer, die Finger kälter und kälter, keine Handschuhe, keine Jacke. Irgendwann tut es dann richtig weh und der Zeigefinger der linken Hand ist bereits erfroren, die Spitze des Fingers ist schneeweiß. Das wird dann mit Schnee sanft massiert und jetzt ist der Finger wieder durchblutet, fühlt sich allerdings an, als ob einer mit dem Hammer draufgehauen hat.

Doch gleichzeitig, was da in meinem Gemüt vorgeht, daß ich hier schon mal war, im Sommer vor drei Jahren, bei einer esotherischen veganen Flussfahrt auf einem Katamaran, während ich die Musik für “Tschussowaja” schrieb, jetzt sind acht Leute damit beschäftigt, mich in Szene zu setzen, für ein von aussen an mich herangetragenes Projekt, in dem ich selbst das Zentrum des Geschehens bin, das ist einfach der Wahnsinn. Zwei Kameras, ein Drohnenpilot, Regisseur, Produzent. Selbst der SWR hat bei verschiedenen Aufnahmegelegenheiten, bei denen ich teilnahm, nicht aufwendiger gearbeitet. Der ganze Aufwand, außenherum die ungeheuere Weite der Landschaft, alles hier ist gerade wegen mir, Wahnsinn….

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Heute am abend habe ich erstmals einen fertigen Film des Regisseurs gesehen. Ein hochgebildeter enthusiastischer Mann, was ich sah, hat mich umgehauen. Dass ich mit solchen Typen nun zusammen bin. Das Resultat, der fertige Film, soll auch irgendwie veröffentlich werden, auf Wettbewerben gezeigt, soweit ich verstehe…… Wie schön, was gerade alles passiert, da vergesse ich, daß ich in einigen Wochen wieder dahin zurück muss, wo ich gar nicht sein will. Morgen bin ich gewitzter und habe mehr angezogen, dann wird das auch einfacher als heute.

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11. 01. 2019

Ich bin wieder daheim. Wie schön. Und auch wie schön, daß ich es so sagen oder schreiben kann und es echt gemeint ist..Daheim!!… doch es ist nicht mein Haus, die Kalenderzeit läuft schnell, ich habe noch gut einen Monat, bevor ich wieder raus muss aus Russland. Unglaublich, was ich erlebe, nachdem ich mir vorgenommen habe, in die Stille zu gehen. Mit diesen sechs russischen Männern, die ich kaum kenne oder gar nicht, jedoch hatte die ganze Tour eine sehr schöne Energie. 

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Auch abends nach dem anstrengenden Drehen auf der zugefrorenen Tschussowaja eine sehr freundliche und ruhige Stimmung mit fröhlichem Lachen, keine dröhnenden Schenkelklopfer im Halb- bis Vollrausch. Keiner wollte irgendwas beweisen wollen oder einen anderen übertrumphen oder verarschen. Die Russen ehren ihren Vater, indem sie ihn als zweiten Vornamen mit sich tragen. Ich würde also auf russisch Klaus Hajowitsch Burger heißen, ernsthaft.  

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Die Drohnenbilder sind spektakulär, durch diese Landschaft zu gehen ein Lebensgeschenk. Manchmal war die Kamera der Drohne festgefroren und bewegte sich nur ruckelnd, was die Ausbeute an diesem Material verringert. Es war auch saukalt. Ich spüre immer noch ein unnormales Gefühl im angefrorenen linken Zeigefinger, das ist jetzt einige Tage her. 

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Und ich hatte auch noch ein Konzert gemacht in Perm, vor diesem Ausflug an die Tschussowaja, ebenfalls von meinen Filmies aufgezeichnet. Soll ich jetzt zuerst meine Gastgeber in Perm auf das Schönste besingen oder die Wirkung der Filme, die der Alex Romanov gemacht hat? Romanov würde ich auch heissen, wenn die Irina nicht zurückgezuckt wäre… Also, meine Gastgeber in Perm sind ein Künstlerehepaar um die fünfzig. Lena Sinn macht schöne phantasievolle Keramiken und sie spielt auf gutem Niveau Blockflöte, er spielt schön Gitarre. Sie machen viel Barock- und Renaissancemusik zusammen und mit weiteren Musikern. Diese beiden organisieren also in ihrer Wohnung in Perm Kammerkonzerte mit klassischer Musik, eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes. Und jetzt während der Feiertage haben die beiden fünf Konzerte hintereinander täglich bei sich zuhause organisiert und bestens durchgezogen. Die Gäste werden bewirtet, sitzen auf Couch und Sesseln, vielleicht zehn Leute kommen jeweils. Gleichzeitig ist auch die Tochter mit dem sechsmonatigen Enkelkind aus Moskau zu Besuch, das Kind schreit viel und lange, es bekommt Zähne. Ich kann da auch noch schlafen, bekomme Essen gemacht und werde als Gast bewirtet, tagelang, in diesem erfreulichen Dauertumult von Menschen. Es ist bemerkenswert, wieviele Russen auf engstem Raum freundlich und lustig miteinender sind, auch der Bildungsstand ist enorm. Wie belesen die alle sind. Und wie freundlich zu mir, meine Ideen über das Leben aufnehmen und sich darüber freuen, also nicht im Sinne von drüber lachen, sondern ernst nehmen, zuhören. Ich lerne viel. Hier zum Beispiel wird die Schale vom Granatapfel in die Wasserkaraffe getan und aromatisiert, gesund auch noch, das Trinkwasser. Schmeckt gut. Und mein russisch ist jetzt immerhin schon gut genug, daß ich für meine Nachbarin, die jetzt diese schönen Zusätze in meinem Blog geschrieben hat, Kräuter in Perm auf dem Markt kaufen und mitbringen kann. Ich mache Fortschritte, doch ist die Sprache sehr sehr schwer erlernbar, Grammatik, Aussprache, vieles komplett ungewohnte Anforderungen an den Mund- und Rachenraum, die Zunge.

So langsam taut mein Haus wieder auf nach Tagen ohne Heizen. Alles Wasser, Milch, Früchte, alles war durchgefroren, der Wassercontainer geht auch wieder. So lebt es sich ohne einen Anspruch auf Mietminderung, ein Leben in Freiheit. Ich füge nun noch zwei Links von Kurzfilmen hinzu, welche „mein“ Regisseur Alex Romanov irgendwann mal gemacht hat. Der kennt viel sogenannte Neue Musik und hinter dem ersten Link verbirgt sich ein Lied aus der Winterreise von Schubert, allerdings in der genialen komponierten Interpretation von Hans Zender, eine der schönsten CD, die ich kenne. Und dieses Schubertlied hat Alex verfilmt. Ich empfehle das unbedingt mal auzuschauen, anzuhören, es sind gut vier Minuten. In Russland lebt noch Romantik, ohne schmierig oder kitschig zu sein.

da dieser Film über mich und mein russisches Leben ein no-budget-projekt ist, möchte ich an dieser Stelle erwähnen, daß dieses Projekt Unterstützung in finanzieller Art gebrauchen könnte und sollte sich jemand angesprochen fühlen, so möge er mit mir in Kontakt treten. Das Geld ist dann weg, ein Film da. Vielleicht kommen wir ja über einen Trostpreis bei irgendwelchen Wettbewerben hinaus.

12.01.2019

wenn man nachts rausgeht und kein Mond scheint….die Welt verschwimmt nach wenigen hundert Metern zu einem anthrazitfarbenen Nichts, ganz ganz schwach leuchtet der Schnee, aus sich heraus, ohne angestrahlt zu werden. Links und rechts des schnurgeraden Weges ist Wald, es gibt keine weiteren Landmarken. Was ich mich hier nicht trauen würde: 

Mich mit geschlossenen Augen so lange um mich selber zu drehen, bis mir schwindelig wird und ich umfalle. Danach weiß man nämlich nicht mehr, von wo man kam und welches der Weg zurück ist. 

So ein kleiner Spass könnte hier das Leben kosten.

14.01.2019

Ich frage mich, wie das einfache, direkte, manchmal harte, jedoch wunderschöne Leben, das die Menschen hier führen vereinbar ist mit den Belehrungen der christlichen Kirche, in meinem Falle der evangelischen. Ich schaue mir die Nachbarn hier an. Wie entspannt und konfliktfrei das Leben hier verläuft. 

Warum hat man mich in Deutschland mit diesem trübseligen Gewinsel malträtiert? Daß das Leben per se „schlecht“ ist, ich von vorneherein einfach schon „schuldig“ bin? Und wenn was nicht „schlecht“ ist, dann wird es schnell „schlecht“ gemacht. Alle paar hundert Meter hängt ein gekreuzigter, ein gemarterter, drastisch-realistisch, genüßlich die Qualen hineingemeißelt oder geschnitzt, aus Holz oder Stein und verspricht mir für „drüben“ dann ein besseres Leben, hier, klar, erstmal total beschissen, Jammertal, doch dann……..

Was für ein schreckliches Programm. Denn wenn die Gedanken nachfolgend die Realität formen, dann wird es halt herbeigeklagt, das irdische Jammertal, mit festem Blick und treuem Glauben an ein besseres „drüben“. Gäbe es die Krankheit nicht, könnte man keine Medizin verkaufen. 

Das ist jetzt deutlich mehr als ein Jahr Lebenszeit, wenn ich meine Aufenthalte hier in Russland zusammenzähle, und ich habe noch KEIN EINZIGES MAL irgendwo einen Streit erlebt, oder eine Prügelei oder Geschrei oder Gezänk an einer Kasse, wer vorher da war.

Wie dumm ist die Meinung der meisten Deutschen über Russland, keine Ahnung, vom Fernsehsessel den Telecommander bedienend, alle diese Blätter wie Spiegel, FAZ, Zeit….. wie die Grünen. Wunderbar die Schande mit dem Claas Relotius im Spiegel, herrlich! 

Es geht mir wieder das Mäuseparadies-Experiment durch den Sinn. Nur daß in Deutschland gleichzeitig noch experimentiert wird, vielleicht wäre „Affenstall mit Mikrowellenbestrahlung“ ein angemessener Begriff.

Napoleon I. (Napoleon Bonaparte) (1769-1821), Kaiser der Franzosen: 

„Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nie zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie ein scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf Erden. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden: die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“ 

…und immer bleibt der Pass am Anschlagsort liegen und der Täter wird erschossen….

16.01.2019

stell dir mal vor, deine Kindheit so zu verbringen:

zuhause das Licht der Welt erblickt, als Baby eigentlich immerzu in den Armen der Mutter oder des Vaters mit herumgetragen. Nackt, ohne Windeln. Draußen keine Autos, keinerlei Zivilisationslärm, keine im Rückwärtsmodus blödsinnig piependen Lastwägen, kein Glockengehämmer vom Kirchturm, kein Streusalz um den Schnee zu vergiften, kein Glyphosat Immer sind die Eltern da,  wenn Du als Baby schreist, weißt Du, daß Du gehört wirst, denn Du bist nie alleine gelassen. Draußen muht vielleicht mal die glückliche Kuh, die im Sommer in ihrem Essen steht, das ihr bis über die Schultern empowächst, oder es bellt der Hund, wenn Besuch kommt. Der Vater spielt dir auf verschiedenen Instrumenten jeden Tag schöne Sachen vor, manchmal, wenn Du gerade eingeschlafen und abgelegt worden bist, hörst Du durch den Vorhang, den Morpheus, der Gott des Schlafes über dich gelegt hat, daß die Mama auch ganz schön trommeln kann, schläfst beruhigt weiter. Du wirst fett von der Muttermilch, kannst mit fünf Monaten schon ins Waschbecken pinkeln und die warme Luft in dem schönen kleinen Holzhaus umfächelt im Winter freundlich deinen nackten Babyarsch. Die Welt ist frei von groben Worten, Zurechtweisungen und Geschrei sich zankender Nachbarn. Du lernst mit knapp einem Jahr laufen, fällst natürlich oft genug beim Klettern irgendwo runter und musst brüllen, weil es weh tat. Ganz liebevoll wirst Du wieder auf den Arm genommen und kannst dich beruhigen. Die Katze bekommt neben deinem Bettchen ihre Kinder. Bringt die Kätzchen zu dir ins Bett, legt sich dazu. Du liegst mit vier Katzenbabies und deren Mama umschnurrt in deinem Bett. Wenn Du erwachst, spielen dein Papa oder deine Mama stundenlang mit dir , denn sie gehen nicht zur Arbeit, sie sind einfach immer da. 

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Dann zeigt dir der Papa, wie Du am dicken Seil mit einem Knoten unten dran, das von der Decke baumelt, schaukeln kannst. Ist dir das zu anstrengend, hängt da auch noch ein Tuch von der Decken, in dem Du dich schaukeln lassen kannst und es dann selber lernst, da zu schaukeln. Das Klettergestell, das gut zwei Meter hoch ist, kannst Du schon mit großem Stolz im Gesicht alleine bis zur Decke raufklettern, obwohl Du gerade mal siebzehn Monate alt bist. 

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Wenn Du merkst, daß Du nun deinen eigenen Willen bekommst und wütend oder zornig werden kannst, wenn dir was nicht passt, dann nimmt man dich freundlich auf den Arm, beruhigt dich, egal wie oft hintereinander. Dein Essen wächst zum größten Teil um das schöne Holzhaus herum, die Eier sind von den glücklichen Hühnern, die Milch, der Quark, Käse, Butter von der glücklichen Kuh. Hier gibt es keinen Grund, vegan zu werden, die Kuh ist Teil dieses kleinen Kosmos. Die Mama bäckt die allerwunderbarsten Kuchen und Kekse, aus dem Quark und Eiern und Mehl macht sie köstliche Küchlein. Das Sauerkraut schmeckt klasse, der Kohl und die Rüben, die Du essen darfst, sind regelrecht süß. Immer noch darfst Du an Mamas Brust hängen, wenn Du das willst. Die zwei Schweine kommen fröhlich quiekend aus ihrem Stall, rennen zu dir zum Zaun und freuen sich, daß sie die Reste vom Essen bekommen. Die Schweine werden nicht eines Tages getötet und zerstückelt und liegen dann als Wurst vor dir auf dem Teller sondern sie bereiten neue Flächen für den Gemüseanbau vor, indem sie einen Sommer lang eifrig alles umwühlen und so der Papa keinen Pflug zu benutzen braucht. Die Mama baut mit dir im Winter draussen vor dem Haus ein Iglu und Du hilfst ihr dabei. Mit fünf weißt Du schon, welche Kräuter von der Wiese draußen einen guten Tee machen, kennst wohl schon verschiedene Kräuterteemischungen, die Du stolz für die Erwachsenen sammelst. 

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Wenn Besuch kommt, wirst Du nicht in die Ecke geschickt und musst leise sein, weil die Erwachsenen ihre Ruhe haben wollen, sondern Du bist einfach immer mit dabei. Wenn dir das langweilig wird, spielst Du mit deinem Lego oder sonstwas, wenn Du müde wirst, schläfst Du ein bißchen und bist dann wieder mit dabei, bis alle nach Hause gehen und Ruhe eingekehrt ist.schlafen. Kein Wecker weckt dich, Du wachst auf, wenn Du genug geschlafen hast.

17.01.2019

Heute nahm mich der Roman, der Maultrommeln bauende Nachbar, im Auto mit in den nächsten Ort, Okhansk, da leben vielleicht 7.000 Leute und es gibt dort jede Art von Geschäften zum Einkaufen. Inna, Romans Frau, ebenfalls im Auto, gefallen die Filme von „meinem“ Filmie, dem Alex Romanov nicht. Es ergibt auf der Rückfahrt ein interessantes Gespräch über Stadtkultur und Kunstverständnis auf dem Lande. Inna ist Musiklehrerin, weiß sehr viel über Musik, sehr gebildet. Ihr Mann ebenfalls. Sie mag die Stadtmenschenkultur nicht und sie kommt auf die ästhetischen Eigenschaften europäischer Filme zu sprechen und ich finde während dieses Gesprächs heraus, daß eigentlich alle Fernsehhöhepunkte meiner Kindheit hier in Russland kaum oder gar keinen Wiederhall finden. Ob Stan und Ollie, Tom und Jerry, Paulchen Panther, die ganzen Zeichentrickfilme, die wir liebten, die alten Slapsticks, der Russe hat da keinen Sinn dafür, daß das lustig sein soll, die „Augsburger Puppenkiste“ hingegen gefällt ihm schon. Da wird nichts abstrahiert irgendwie. Das finden wir lustig, wenn dem Dicken auch noch die Dampfwalze über den gebrochenen eingegipsten Fuss drüberfährt, die Russen bedauern ihn und wundern sich über unsere Schadenfreude. Ich bin tatsächlich schon mehrfach gescheitert, Freunde oder Bekannte für „Dick und Doof“ zu begeistern. Finde ich sehr interessant.

Eine grauenvolle Nachricht kommt aus Deutschland. Wegen eines Schreibfehlers in meinem Namen akzeptiert die Russische Botschaft in Berlin die Einladung von Teatr-Teatr aus Perm nicht. Ich muss eine neue besorgen und schicken. Bis ich die habe, vergeht sehr viel Zeit, ich bin ja komplett ausserhalb von allem Weltgetriebe. Tja, ob nun in die Seelen solcher Büro-Funktional-Humanoiden noch ein Sonnenstrahl, ein göttlicher Funke hineinscheint? Oder korrespondiert das eher mit dem Licht von Energiesparlampen? Scheisse. Und zwei Monate sind vergangen, bevor das jemand bemerkt hat und ich Bescheid bekam, daß das so nichts wird. Mit der russischen Botschaft in Berlin habe ich die letzten beiden Jahre ungefähr drei- oder viermal versucht in Kontakt zu kommen, die antworten mir nicht mal.

Das sind keine guten Erfahrungen, die ich mit denen gemacht habe.

Mein alkoholischer Nachbar Boris kam nun fünf Tage hintereinander in der Frühe zum Didgeridoo-Unterricht und er macht Fortschritte beim Spielen.

Das Wetter ist sehr gnädig. Die Temperatur macht kaum Sprünge nach unten oder oben, es sind meist zwischen minus 10° und minus 18°. Das ist total ok so.

21.01.2019

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Was ich wirklich schön finde, ist die Erkenntnis, daß mit dem Besserwerden meiner Russischkenntnisse keine Ernüchterung stattfindet, was meinen Blick auf die Menschen hier angeht. Ich habe bei einem längeren Spaziergang mit meinem Nachbarn Aleksey erfahren, daß er es sich überlegt, seinen nun fünfjährigen Sohn überhaupt in die Schule zu schicken. Hier in Russland darf man seine Kinder auch daheim und selber unterrichten, während in Deutschland die Behörden dich zwingen, notfalls mit Polizeigewalt, an der staatsverordneten Ver-Formung, Justierung der Kinder teilzunehmen. Dann fragte ich ihn nach seiner Postanschrift. Er meinte, er habe keine. Das geht hier so. Ohne Meldung ohne Registrierung, einfach frei. So werden hier keine Untertanen gezüchtet wie in meiner Heimat. Die meisten Leute haben sehr wenig Geld, zahlen allerdings auch nur 13% Steuern. Es gibt welche, die sich über die Strassen hier beschweren. Doch wer sollte den bei diesen Distanzen, die wahrhaft riesig sind, das bezahlen? Immerhin kommt regelmäßig der Räumdienst und macht selbst die nachgeordneten Landstrassen befahrbar. Und zwar ohne das verdammte Streusalz. Die Leute hier können auch auf Schnee fahren.

Einzig bekümmert mich der Umgang mit Müll und daß in jedem Supermarkt jeder Artikel an der Kasse dadurch als bezahlt gekennzeichnet wird, indem er noch in eine weitere Plastiktüte gesteckt wird. Und diese Plastiktüten sind in etwa so schäbig wie die gelben Müllsäcke in Deutschland für das Recyclingzeug. Der Stengel eines Granatapfels schlitzt dieses lächerliche Plastikding wie nichts auf und alles kullert weg. Ich als braver Deutscher Gutmensch, der ich nun einmal bin, habe meine Glasflaschen säuberlich irgendwo gesammelt, Blech und Plastik auch. Später wird das alles zusammen irgendwo hingeschmissen, damöchte ich gar nicht dabei sein. Es sei denn, daß der Boden auftaut und ich immer noch oder schon wieder hier bin. Dann grabe ich ein großes Loch für das Glas und eines für das Blech. Meinen kompostierbaren Abfall nimmt der Nachbar gerne für seine Regenwurmzucht, die in drei großen Kisten stattfindet

23.01.2019

In der Winterzeit habe ich in Lyubimovo drei Nachbarn. Alle drei sind aus der Stadt hierhergezogen und gehen keiner in bürgerlichem Sinne „ordentlichen“ Beschäftigung nach. Aleksey verkauft den wunderbaren Tee, den er selber herstellt und die Milch und Milchprodukte, die er mit seiner Frau und den Kindern nicht selber verbraucht. Roman baut die genialen Maultrommeln, seine Frau arbeitet zwei Tage in der Woche an der Musikschule in einem fünfzehn Kilometer entfernten Ort, sie macht auch wunderbaren Käse und Boris verkauft Eier und Ziegenprodukte, sein Frau arbeitet ebenfalls irgendwo irgendwas, auch nur Teilzeit. Alle kamen hier nach Lyubimovo und lebten die erste Zeit in einem Tipi. Genau so ein hohes Zelt, wie es in den Indianerfilmen vorkommt. Und in den jeweils etwa sieben oder acht Jahren hier hat sich bei allen viel getan. Da stehen Häuser, Scheunen, Dampfbäder, Plumsklos, die ersten Badezimmer oder Haustoiletten entstehen, vor der Türe sind Teiche, beim Roman ein Riesenteich in Arbeit, die Bäume und Sträucher wachsen, Gewächshäuser, die Küchen werden aus Provisorien heraus zu richtigen Küchen, mit fließendem warmen Wasser, Strom hat sowieso jeder. Der nächsten Generation wird eine Lebensmöglichkeit außerhalb des Hamsterrades, wie es der deutsche Unterthan oder Arbeitsmensch kennt, erschaffen. Man kann, soweit ich es verstanden habe, vom russischen Staat einen Hektar Land bekommen, um seinen Familiensitz dort zu gründen. Die Leute sind so liebenswert und friedlich, daß meine Idee, eine Mausefalle zu organisieren, von einem hier auszuleihen, scheiterte, weil das scheint verpönt zu sein. Stattdessen habe ich die freundliche hübsche Katze. Auf genau diese Menschen sind die Atomwaffen unserer Wertwelt des Westens gerichtet. Von meinen Steuergeldern mit. Dann kommt in Deutschland immer wieder der allerblödeste Spruch, bevorzugt von den sich „gut“ wähnenden Gutmenschen: „ja, wir haben ja gar nichts gegen die Russen, nur der pöhse pöhse Putin, der muss weg!“ Die Leute hier scheinen dagegen zufrieden damit zu sein, sonst hätte er nicht 80% Wählerstimmen. Sie wissen auch über den Internetzugang total gut Bescheid über die Dinge, die in der Welt „draussen“ so ablaufen und passieren. Sie wissen um diese Atomraketen, die auf sie gerichtet sind, um die westliche Wertewelt, die mit ihrer Nato immer weiter vordringt und um die miesen Spielchen, die in den Nachbarländern Russlands von unseren „Guten“ getrieben werden, um Unfrieden und Konflikte zu schüren, damit Russland geschwächt wird. So gut sind „wir“ im Westen. Tja, mir fallen schon einige Schönheitsfehler im Nato-System-Verbund auf. Was ist in Europa alles zerstört worden, Handwerksberufe, Bauernhöfe, die seit Jahrhunderten existiert haben, was alles kaputt gemacht wurde, um fortzuschreiten…tja, Fortschritt.  Von woher? Und wohin? Meine Leserbriefe im Badischen Tagblatt hat der zuständige Redakteur jedenfalls nicht veröffentlicht, weil da sei ja „kein Leserbrief, sondern Zivilisationskritik“, hat er tatsächlich so geschrieben.

Vielleicht, ein Gedanke von mir, sind ja diejenigen, die ganz vehement „nicht mehr zurück auf den Baum wollen“ wie man es von den Fortschrittsaposteln öfters zu hören bekommt, die einzigen, die „vom Baum herabgeklettert“ sind, Affenabkömmlinge, und der bravtumbe Unterthan hat die Erinnerung an seine göttliche Abstammung gegen eine Sozialversicherungsnummer eingetauscht.

24.01.2019

Ich saß bei Freunden in Deutschland, das war letztes Frühjahr. Diese Freunde lesen meinen Blog. Und ebenfalls zu Besuch war die Mutter der Gastgeberin, eine sehr alte Frau, deutlich über achzig Jahre alt, hellwach im Geiste. Ich würde diese wunderbare alte Frau gerne mit „cooler Tante“ umschreiben, hoffe, daß man das verstehen kann, was ich damit meine. Es kam das Gespräch auf meine Affinität zu Russland und die Menschen, die dort leben. Es war sehr berührend mitzuerleben, wie diese alte Dame von meinen Erzählungen bewegt war und daß irgendetwas in ihrem Herzen angerührt wurde, sie viel nachgefragt hat.  Als ob ein Märchen oder ein Traum zurück in ihre Erinnerung kehrte bei diesem Thema. Die Geschichte dazu ist folgende: Als Kind erlebte sie in Norddeutschland auf dem Lande lebend, wie die russischen Zwangsarbeiter auf diesem Hof, es waren ja zu Millionen diese „östlich minderwertigen Untermenschen“ als Arbeitssklaven in das deutsche Reich verschleppt worden, bei Festlichkeiten so wunderschön ergreifend sangen. Offensichtlich hatten diese Russen das Glück, nicht durch die Arbeit vernichtet, sondern eher halberwege menschlich behandelt zu werden. Diese schönen Lieder und ein aus Gräsern gefertigtes zauberhaftes Kästchen haben wohl in dem damaligen kleinen Mädchen eine starke Zuneigung ausgelöst. Das Kästchen, das

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die Russen damals der Familie schenkten, wird sorgfältig seit 75 Jahren gehütet, eine Erinnerung mit einer kleinen leuchtenden Geschichte dazu.

26.01.2019

Als ich gestern früh aufwachte, fiel es mir nicht leicht, das Bett zu verlassen. Irgendwie war schon vom Bett aus empfunden ganz klar und deutlich, daß es über Nacht abgekühlt hat. Dann musste ich doch irgendwann aufstehen und Feuer machen, wollte draußen Holz holen. Ich habe die Haustür aufgemacht, einen Schritt nach draußen und dann sofort wieder rein und die Türe von innen zu. Es war schockierend kalt.Um das Holz reinzuholen reichten mir bisher Flipflops, also, das geht auch noch problemlos bei minus 20°. Nur gestern war es viel viel kälter. Der Boris kam nicht zum Didgeridoo-Unterricht, ihm war es auch zu kalt. Er sagte heute, bei ihm auf dem Thermometer wären es minus 38° gewesen, de Aleksej hat „nur“ minus 31° gemessen. Eine interessante Frage: ist der subjektive, empfundene Temperaturunterschied von 20° Celsius größer bei plus 30° zu plus 10° als der von plus 15° zu minus 5° als der von minus 15° zu minus 35°? Ich kann das nicht beantworten, glaube jedoch, daß es nach unten immer derber empfunden wird. Dann musste ich mein Wasserloch freihacken und Wasserholen. Dabei ist mir etwas saublödes passiert: Ich habe ein Joch und zwei Eimer, die da dran hängend getragen werden. Am Eingang bei der Treppe wollte ich die Eimer abstellen und an einem war unten ein dicker Eis- und Schneeklumpen dran, sodaß er beim Abstellen umkippte und die Hälfte rausschwappte. Hier kann man das dann nicht so einfach mit dem Lappen aufwischen… jetzt habe ich eine sehr vereiste Treppe, da muss man nun richtig aufpassen, daß es einen nicht hinhaut.

Auf der nächsten Einladung, die ich für ein neues Visum bekam, war derselbe Fehler mit meinem Namen wieder drauf. Ich habe sofort reklamiert. Hoffentlich bekomme ich eine richtige, bis ich abreisen muss. Vielleicht habe ich einen Weg gefunden, daß ich hier bleiben kann, mit minimalen Unterbrechungen, mal schauen. Ich wäre jedenfalls ausgesprochen glücklich darüber. Im Mai kommt der Pascha, der Hausbesitzer hierher und will wieder Bienen haben und Honig produzieren. Den Sommer über werde ich etwas anderes suchen.

Ich habe jetzt schon das Angebot von meinem Nachbarn, daß ich sein Tipi haben könnte, um da den Sommer über zu leben. Das würde ich als eine wunderbare Option bezeichnen. Allerdings muss ich noch schauen, wegen komponieren. Ich brauche doch ein Keyboard und Lautsprecher zum Schreiben. Und ich habe keine Ahnung, ob sich dieser high-tech-Anspruch mit dem Tipileben vereinbaren läßt. Das ist eine von mehreren Optionen für den Sommer. Alles hängt ab davon, ob meine neue Idee hierzubleiben funktioniert

28.01.2019

Heute habe ich bewußt (oder überhaupt) zum ersten Male in meinem Leben Lindenholz gehackt. Mir war anfangs ganz heilig und schubert zumute, so winterreisenmäßig.

Die Temperaturen pendeln jetzt zwischen minus 20° und minus 30°, ohne Wind ist das nicht weiter tragisch. Doch wenn man auf offener Fläche, ohne Wald links und rechts oder auf einer Bergkuppe steht, hat man besser noch was für die Backen, die Nase auch; einen Schal oder so. 

Heute, beim Holzhacken, das war eine offene Fläche. Ich habe so sehr geschwitzt beim Tragen, Hacken und Stapeln, daß ich die Brille abnehmen musste und in einer Innentasche verstaut habe, da sie andauernd zugefroren war vom Dampf, der oben am Kragen von innen aus der Jacke herausdampft, wenn ich mich bücke oder den Kopf senke. Da ist die Brille sofort vereist. 

Mein Nachbar Aleksey hatte gefragt, ob ich mithelfe und ich wollte. Also sind wir von einem Menschen namens Andrej aus einem kleinen Dorf namens Podvolok mit dem Auto abgeholt worden und haben bei ihm und für ihn das Brennholz gemacht. Dieser Mann hat irgendwie ziemliche Gesundheitsprobleme, ein Behindertenzeichen am Auto, mehr weiß ich dazu nicht, außer, daß ich nun schon zum zweiten Mal diesen Nachbarhilfsdienst mitgemacht habe. Der Aleksey versorgt Andejs Familie mit Brennholz, hat die Kettensäge dabeigehabt. Eine große alte Linde lag unter dickem Schneepolster, und diese Stämme hat er damit in passenden Stücken abgeschnitten und dann haben wir gehackt und einen schönen Stapel gemacht. Wie schön bei dieser Kälte das Holz unter der Spaltaxt auseinanderplatzt, als wenn es aus Glas wäre.

Und seltsam diese Situation: der Schweiß rinnt in Strömen über das Gesicht, aus allen Öffnungen wie Ärmeln und Kragen dampft es heiß und feucht raus und die Nasenspitze, die Stirn und die Backen brennen vor Kälte. Alles unter der Jacke komplett nassgeschwitzt, tropfnass. 

Ich habe begonnen, ein längeres Musikstück zu schreiben, für einen Klarinettisten und Sinfonieorchester. Ich schreibe Klarinettisten, da ich nicht weiß, ob es bei der Kontrabaßklarinette bleiben wird. Auf jeden Fall gefällt mir die Idee, daß ich hier schreiben werde, ziemlich gut. Ich muss mein Keyboard herbringen oder hier was anderes in Perm organisieren, das steht fest. 

Was für erstaunliche Dinge hier im Ural passieren. Der Kohl, den der Aleksey und die Lena angebaut haben, der spricht mit mir, sobald ich ihn in der Hand habe. Irgendwie schmiegt er sich ganz zart in die Hände und er sagt mir, ohne daß meine Ohren daran beteiligt sind: „Ich bin gewachsen und habe darauf gewartet, Dir als erfreuliches Lebensmittel zu dienen, das ist meine Bestimmung als Kohl. Ich habe es weit gebracht, ich schmecke sogar süß. Nun danke ich dem Universum dafür, in deinen Händen zu liegen. Mein Schicksal ist in schönster Erfüllung aufgegangen.“ Ich glaube nicht, daß ich am Durchdrehen bin. Hier ist manches anders, magisch. Erstaunlich.

Übrigens ist das ein Quatsch, daß bei sehr tiefen Temperaturen ein vom zweiten Stock runtergekippter Eimer Wasser unten als Eis ankommt. Das funktioniert nur, wenn das Wasser kocht. Hier sieht man, wie das aussieht, wenn ich eine Kanne voll kochendes Wasser in die Luft schleudere.

30.01.2019

Heute hatte ich Internet-Kontakt mit Rasim. Der ist Posaunist an der Oper in Donezk und ich habe ihn kennengelernt, als ich vor zwei Jahren in Donezk war. Über diese Erfahrung in Donezk gibt es auch ein Tagebuch, der Link dazu ist hier:

http://dev.nrt24.ru/7-tage-donbass-von-klaus-burger/

Ich fragte, wie es ihm ginge und er schrieb zurück, daß Donezk traurig und düster sei. Kann ich mir vorstellen, da ist seit fast vier Jahren Krieg. Auf jeden Fall ist mir das sehr ins Herz gefahren, die Erinnerung an Donezk. Die armen Leute dort, vergessen von der Welt, mißachtet als Menschen. Ich habe in Deutschland Bekanntschaften bzw Freundschaften eingebüßt, als das bekannt wurde, daß ich in Donezk war. Doch habe ich beschlossen, heute während des hin und her mit Rasim auf Messenger: Ich werde dort wieder hinfahren, wenn es dem Rasim gelingt, mir eine Einladung zu verschaffen, damit das offiziell ist. Also darauf arbeite ich hin, daß im Frühjahr eine Reise nach Donezk stattfindet mit einer „masterclass“ für Blechbläser am Donezker Konservatorium.

„А мы же успеем вас снять до отлёта? Und wir haben Zeit, dich vor der Abreise zu erschießen?“

Das hat der google Übersetzer aus einer Anfrage gemacht, welche heute vom russischen Fernsehen an mich gestellt wurde. Gemeint ist damit, ob ich vor dem 14. Februar, meiner Abreise nach Deutschland, noch die Zeit hätte für Filmaufnahmen oder Interview, ich weiß noch nicht genau, was das wird. Auf jeden Fall bin ich neugierig drauf. Kanal 1, das wird wohl in ganz Russland übertragen.

Die nächtlichen Wanderungen. Die Nächte sind nun mondlos. Es ist dunkel, jedoch keinesfalls so dunkel wie in südlichen Ländern. Schwach schimmert der Schnee. Die Welt ist schattenlos. Das Weiß des Schnees läßt keinerlei Konturen zu. Man sieht überhaupt nicht, worauf man eigentlich geht, nur das Knirschen des Schnees , der bei minus 30° ganz anders knirscht als bei minus 10°, verrät einem das. Sehr leicht stolpert man über Unebenheiten in der Schneedecke, denn man sieht sie nicht. Und es ist ohnehin schwer, den Blick vom Himmel abzuwenden. So viele silbern glitzernde Sterne, die Milchstrasse, seltsame Sternbilder, oben eine unendliche Weite und unten, um mich herum auch eine unendlich wirkende Weite. Alle paar Schritte bleibe ich stehen und schaue einige Atemzüge lang nach oben in dieses Wunder, das sich in völliger Stille über mir ausbreitet.

02.02.2019

Mein Nachbar Aleksej lächelt. „Es riecht nach Frühling, es ist Frühlingsluft!“ Ich schaue auf die Dampfschwaden, die die ausgeatmete Atemluft bei minus 22° eindrucksvoll hervorruft und schaue ihn fragend und blöde an. Es deutet auf die Unterkante seines Hausdaches. Dort haben sich tatsächlich einige Eiszapfen gebildet, hängen da runter. Aha, da habe ich wieder etwas dazugelernt. Irgendwie schafft es die Sonne, das Lebenselexier H2O kurz in flüssigen Zustand zu versetzten. Man merkt, daß die Tage wieder länger werden, es sind jedoch laut Wettervorhersage kalte Tage prophezeit. Ich hacke nun bei ihm Holz, bei mir gibt es nichts mehr zu tun. Vor ein paar Tagen habe ich ihn mal gefragt, ob er sich vorstellen könne, noch ein Grundstück dazuzukaufen, welches an seinen Grund angrenzt und mir dieses dann zu überlassen, damit ich da drauf mir was eigenes zum Wohnen errichten kann. Er meinte, daß es das mit seiner Frau Lena absprechen müsse und werde. Als die Lena dann aus der Stadt zurückkam, hat es sie wohl gefragt. Und ich bin sehr berührt. Also nicht nur, daß beide damit einverstanden sind, das zu tun. Sondern die Lena hat im Internet schon herumrecherchiert nach Bausätzen für so ein Kuppelhaus, wie sie mir so gut gefallen. Das werde ich mir vielleicht nicht leisten können, jedoch wird man das sehen. Ich habe ja auch ein gewisses handwerkliches Geschick geerbt. Und das Grundstück kenne ich auch schon. Ich werde weiterhin das Wasser vom selben Bach trinken. Was für eine schöne Wendung der Dinge!!!

In jedem Falle werde ich das mit dem Grundstück machen. Es sind 5.000 qm und das kostet eine ausgesprochen überschaubare Summe, sogar für mich, das werde ich kaufen…..

Irgendwie sind die inzwischen wie meine eigene Familie. Die Kinder freuen sich, der Kleine mit seinen anderthalb Jahren, der eigentlich immer nackt rumspringt, der „kleine nackte Mann“, so nenne ich ihn, da hört er sogar drauf, ist so liebevoll und zutraulich, alle, die ganze Familie sowas von freundlich und entspannt. Auch die Mutter von Aleksej umarmt mich freudig mit spürbarer Zuneigung. Und was für eine schöne Option, daß ich vielleicht immer den genialen Käse und Quark von dieser glücklichen Kuh bekommen kann, 

Und wie schön, daß ich dann neben Menschen wohne, die sich ein so schönes Leben in so einer schönen Landschaft ausgesucht haben.

Und selbst wenn ich vom Aleksej abhängig bin wegen des Kaufes dieses Grundstückes, da ich als Ausländer ja nichts kaufen kann oder darf, so habe ich da keinerlei Bedenken, das zu tun. Niederträchtiger und erbärmlicher, als es in Baden-Baden mit Nachmietern und Hausbesitzer abging, das geht eigentlich nicht mehr. Und wenn etwas schief laufen sollte, ich bin zum Lernen hier auf der Welt, und ich lerne ja auch viel dazu. Es sind inzwischen auch hier in Russland schon viele Ideen und Pläne gescheitert, wie eine Zusammenarbeit mit dem College, der Flop mit der Kulturministerin. Doch das beirrt mich gar nicht, ich bin hier in Lyubimovo und brauche mich überhaupt nicht zu profilieren, interessiert mich gar nicht. Ich gehe staunend durch diese wunderbare kraftvolle mystische Natur und freue mich an den Gesichtern, die die Schneehauben auf Pfählen bekommen, Wesenheiten besonderer Art manifestieren sich da durch Schnee und Wind, überall ist Leben und Bewusstsein um mich herum in dieser grandiosen Stille. 

Und das Notenpapier liegt auf dem Tisch und ich habe mit einem neuen Projekt begonnen.

Zum ersten Male habe ich nun keine Zwangspause von drei Monaten außerhalb Russlands abzureiten, denn ich habe einen neuen Reisepass und ein Jahresvisum in Auftrag gegeben, welches ich am Ende des Februar haben werde und wieder herkommen kann; vorausgesetzt, daß das alles so funktioniert wie geplant und erhofft. Deshalb ist mein Grauen, zurückkehren zu müssen, dieses mal begrenzt, ich treffe ja auch Menschen, die ich im Herzen habe. 

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da wird einem doch ganz Has´ ums Herz

13.02.

Nun holt mich die äußere Zeit wieder aus meiner inneren zeitlosen Zeit zurück in die Schnittmenge des gemeinsam Wahrgenommenen, das, was man als Realität bezeichnet. Meine eigene Realität muss jetzt einen Schlaf halten, bis ich wieder hier sein kann. Ich bin traurig. Mein Engel auf dem Pfosten läßt auch schon seit drei, vier Tagen den Kopf hängen, hat nun eher Ähnlichkeit mit einem deprimierten Rhesusaffen. Ich räume das Haus auf, meine Sachen zusammen. Die werde ich in einer Ecke verstauen und hoffen, daß ich tatsächlich in zwei Wochen wieder hier sein werde, morgen um die gleiche Zeit sitze ich im Auto auf dem Weg zum Flughafen von Perm.

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Und wenn mir mal jemand prophezeit hätte, daß ein Moment kommen wird, in welchem ich als erster „eigenen“ Pflanze meine Zuneigung einem Kohl im Ural schenken würde, den hätte ich bis vor kurzem verlacht. Doch hat tatsächlich der zärtliche, liebevolle Kohl, der zu mir sprach und mein Herz berührte, ausgetrieben, hat einige Blätter bekommen und ich habe Aleksey und Lena gebeten, in meiner Abwesenheit auf ihn aufzupassen, daß er nicht erfriert oder vertrocknet. So steht der Kohlstrunk nun in einem Glas mit Wasser bei meinen Nachbarn auf dem Fensterbrett, wo es ihm gut gehen wird und wir gemeinsam darauf warten, daß die hartgefrorene Erde auftaut und ihn dann in sich aufnimmt.

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Auch wenn ich hier überhaupt nicht weg will, so freue ich mich dennoch, einige Menschen in Deutschland wiederzusehen. Und ich erinnere mich, daß der Winter in Deutschland zwar eine trübe Zeit ist, wenn man jedoch aus dem russischen Winter kommt, wo es nur Farben zwischen reinem Weiß über Grau bis Schwarz vorkommen, keine trübe Zeit!, das viele Grün Deutschlands zuerstmal eine starke Sensation bedeutet.

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